Donnerstag, 30. Juni 2011

Ich sehe nicht mehr aus wie ein Schwein


In den letzten fast zwei Wochen sah ich aus wie ein Schwein und konnte weder lesen noch schreiben. Das, was ich für eine schmerzhaft-juckende Augenentzündung hielt, erstreckte sich irgendwann über den ganzen Kopf und Hals und besserte sich ganz langsam erst, als ich die Methoden á la „Was die Großmutter noch wusste“ dann doch beiseite schob und eigenmächtig eine innerliche Kortisontherapie begann (mein Arzt war im Urlaub). War wohl auch genau richtig (er ist mittlerweile wieder da). Da die Augen für Tätigkeiten wie Lesen,  Schreiben oder Fernsehen völlig ausgefallen waren (also im übertragenen Sinne), ich selbst gesellschaftsunfähig und –willig war und mein Gesicht weder kratzen durfte noch sonst was tun konnte, um den Heilungsprozess zu beschleunigen, beschloss ich irgendwann, die negative Energie einfach in positive umzuwandeln: Ich habe geputzt wie ein Wahnsinniger. Und das über Tage. Endlich spüre auch ich das Erfolgserlebnis einer wahrhaft ehrgeizigen Hausfrau: Jeden Winkel, und sei er noch so dunkel, jede Ritze, und sei sie noch so schmal, sauber zu haben. Steffen hatte Glück, dass er während dieser Tage in Berlin war, sonst wäre er ziemlich genervt gewesen und der Haussegen hätte vor so viel Unordnung im Namen der bald eintreffenden Superordnung mehr als schief gehangen.

Für das nächste Mal, falls dieses in dieser obsessiven Form je wieder kommen sollte, habe ich wohl sogar schon die musikalische Untermalung parat: Anfangs, wenn man voll jugendlichen Elan ist, kommt Hoss Boss rein (bei denen waren wir zweimal auf Konzert, schon als sie ganz „klein“ waren), wenn man sich fröhlich in Rage geputzt hat, dann Prodigy (bei denen waren wir auch, aber da waren sie schon groß), zwischendurch auch mal den lustigen singenden Rabbi, den Anne mir kürzlich schickte, und wenn der nicht mehr wirkt, dann wieder Prodigy. Größtenteils gute Laune und guter Arbeitseffekt.
Kommt man langsam zum Nachdenken, ob man eigentlich bescheuert ist, in einem solchen Tempo zu arbeiten und wo, beziehungsweise eher: ob man eigentlich weitermachen soll, ist Zeit für Beständigkeit, aber immer noch fröhlich, d.h. Abba, Tropicalia, oder zum Beispiel Fanta Vier: „Du wirst geboren, was machst du draus. Baust ein Haus, ziehst da rein, schaust da raus, atmest ein und atmest aus.“ Genau. Schon geht das Schrubben besser, aber so, dass der Arm nicht mehr so Weh tut.
„Was ist der Sinn? Ist da noch mehr?“ Diese Frage ist bei mir wohl ständig präsent, täglich, mehrmals, selbst wenn ich nicht daran denke, das heißt, nicht explizit in meinem Kopf formuliere. „Wo gehen wir hin? Wo kommen wir her?“ Gute Frage, wichtige Frage. Aber heute putze ich.
Miles Davis ist für klares Wasser und weiche Tücher vorgesehen, oder wenn man schon was für zwischendurch zu bewundern hat. Angelo Branduardi auch, aber der könnte einen dazu bewegen, die eine Fläche nochmal zu wischen, die aus der Ferne nicht mehr so glänzt, deshalb am Ende nur noch Miles Davis, der ist Vollendung. Ich könnte jetzt mein ganzes Musikprogramm und die benutzten Mittel aufzählen, aber meine immer noch geschundenen Augen tränen schon wieder und eigentlich wollte ich erzählen: Ich fliege morgen nach Namibia. Ich habe ein Fernweh, das geht auf keine Kuhhaut. Spontan gebucht wie fast immer, das ist halt bei mir und Steffen situationsbedingt so. Allen Unkenrufen zutrotz („Etosha musst du ein Jahr im Voraus buchen!“) steht zumindest die erste Hälfte der Reise, inkl. drei Übernachtungen in Okaukuejo (am angeblich besten Wasserloch in Etosha), den Rest müssen wir dann schauen. Es ist ja keine „Hummeldumm“-Busreise, sondern Allradmietwagen und Individual.

Namibia fasziniert mich seit Langem, ich war übrigens noch nie in Afrika  (Ägypten zählt ja nicht) und fühle, dass meinem Weltbild deshalb ein zu großes Puzzleteil fehlt. Die Wiege der Menschheit. Ich sehe mich deshalb irgendwie in Embryostellung auf warmer Erde Afrikas liegen, vielleicht in der Wüstengegend oder im Damaraland, oder im Kaokoveld. Vermutlich werde ich dort in Wirklichkeit nirgends herumliegen, noch weniger in Embryostellung, auch wenn es so menschenleer ist, dass es keineswegs Aufsehen erregen würde, außer bei Steffen vielleicht. Der mich dann vor Skorpionen, Schlangen, Spinnen warnen würde (zurecht) und fragen würde, wie lange ich so wohl liegen bleiben will und wann wir weiter fahren. Aber mein Herz ist so voller Vorfreude, dass ich nicht weiter von meinen mit diesem Land verbundenen Vorstellungen erzählen will, ich muss nämlich noch was machen, bevor ich gleich schlafen gehe.

Gepackt habe ich noch nicht, es existiert allerdings ein ansehnlicher Haufen auf dem Boden, der nur irgendwie in die Tasche muss. Da ich meine morgige Chemo zum Glück auf heute verschieben konnte („Ja, was du morgen könntest besorgen, das verschiebe besser auf heute“. Warum hier der Reim auf der Strecke blieb, weiß ich grad’ nicht. Und warum meine Tumormarker plötzlich auf das Dreifache gestiegen sind, weiß ich noch weniger. Aber ich verweigere mich momentan, meiner Reise durch diese Nachricht auch nur ein Mikrogramm Vorfreude nehmen zu lassen. Vermutlich habe ich zu lange keine größere Reise unternommen, das wird's sein, also höchste Zeit, mein Leben wieder mal zu verlängern.) Ich habe also massig Zeit. Theoretisch zumindest. Aber ich mache jetzt mal Schluss, sonst fange ich doch noch an,  hier schriftlich von Namibia zu träumen. Das mache ich dann besser in natura, das heißt, im Schlaf. Gute Nacht und hoffentlich bis bald - in nicht alter, sondern neuer Frische.

Mittwoch, 8. Juni 2011

Was war?

Ich muss immer selber nachschauen: Von welchem Zeitpunkt an soll ich berichten, was die datierten Ereignisse angehen? Wie ich schon im letzten Beitrag sagte: Mich interessiert nicht, was die anderen machen, mich interessiert, was sie denken. Deshalb übergehe ich oft, was ich selbst mache, weil es an sich uninteressant ist. Und was innerhalb eines bestimmten Zeitraums war, spielt für mich keine Rolle, Daten verlieren immer mehr ihren Wert für mich, Chronologie interessiert mich nicht so sehr. Es kommt auf Erlebnisse an, wann immer die passierten.

Nichtsdestotrotz. Es ging kürzlich um das Thema „Medienauftritt“, genauer: SWR Landesschau. Was soll ich sagen: Auch wenn sich der Neuheitswert – huch, Fernsehen! Was ziehe ich bloß an und hoffentlich habe ich keinen Blackout! - mittlerweile ein wenig abgenutzt hat und es auch hinter den Kulissen einfach ganz normale Arbeit ist: Mit Fernsehleuten mache ich bisher supernette Erfahrungen, ich hab sie lieb. Auch das Team von der Landesschau SWR, das mich zu Hause besucht hat, war reizend, ich schloss sie alle im Nu in mein Herz. Ich habe auch kein Problem mit „Jetzt ordnen Sie die Rosen in der Vase nochmal“ und „Nippen Sie einmal am Glas und schauen verträumt in die Ferne“. Es macht mir mittlerweile sogar Spaß - vielleicht bin ich schon verdorben. Aber die Leute vom Fernsehen sind immer echt nett und machen auch nur ihre Arbeit, die ich nicht zu den schlechtesten oder langweiligsten zähle. Könnte mir auch vorstellen, so etwas zu machen, wenn diese Frage sich mir jemals wieder stellen würde. Was sie aus meinem Balkon rausgeholt haben – welche Perspektive, welche Weite und Vielfalt! Muss toll sein, mein Balkon!

Die Sendung war - abgesehen von meiner Performance natürlich, an dem ich jedes Mal herummäkeln MUSS, sehr nett. Das Fernsehteam einfach goldig, der Moderator Jürgen Hörig so sympathisch, dass ich – auch wenn ich kein großer Knuddler von fremden Menschen bin - ihn hätte knuddeln wollen, die Athmosphäre den Arbeitsumständen entsprechend recht entspannt, und ich danach zu Hause groggy. Aber angenehm groggy, als hätte ich was geleistet. Wenn man kein Arbeitsleben hat, ist es schon mal was, so ein Fernsehauftritt. Einen Lachanfall hatte ich auch, als ich zu Hause merkte, dass ich mit meiner alten, speckigen Perücke im Fernsehen war, die ich eigentlich längst wegschmeißen wollte und die nur aus dem Grund noch direkt neben der anderen hing, weil ich sie EVENTUELL noch zu besonders heißen und schwitzigen Sommertagen anziehen wollte, für die meine „gute“ Perücke zu schade gewesen wäre. Lachanfälle sind fast das Wertvollste im Leben, also danke, liebe Landesschau.

Das war jetzt die Abhakung dieser Geschichte, die Thema in einem der letzten datumsbezogenen Beiträge war. Was alles danach war, oder was überhaupt in den letzten Wochen oder Monaten war, kann ich nie mehr zusammenkriegen. Es war jedenfalls eine gute Zeit, so viel steht fest. Was mir davon spontan einfällt: Ich habe liebe Menschen getroffen, Freunde aus In- und Ausland. Habe ein paar schöne Grill- und Sonstfeste mitgefeiert, viel gesprochen und noch mehr zugehört. Meine Schwester Kristiina war eine Woche lang zu Besuch, das Wochenende verbrachten wir gemeinsam auf der Saarbrückener Kinderbuchmesse, wo sie als estnische Schriftstellerin zu Lesungen eingeladen war. Ich war im Theater, Oper und Kabarett (Über die Kabarettvorstellungen und über die Oper habe ich sogar eine lange Rezension geschrieben, scheute mich dann aber doch, sie reinzustellen, weil sie zu unkonventionell war und ich nicht für verrückt gehalten werden wollte.) Ich habe einen Haufen Bücher gelesen und Filme gesehen, aber über mein (verändertes?) Verhältnis dazu sollte ich vielleicht einen eigenen Beitrag schreiben. Vor drei Tagen habe ich eine Hundezüchterin besucht mit vier Wochen alten Welpen, von denen einer künftig meinen Freunden gehört. Fünf Stunden saßen wir zu viert da und freuten uns einfach. Tiere machen uns zu besseren Menschen, davon bin ich überzeugt. Da meine Mundschleimhäute momentan recht ansehnlich sind, habe ich viele Mahlzeiten zu mir nehmen können, die mich keineswegs anekelten, und mehrere, die mir einen regelrechten Genuss bereiteten. Eines Nachts oder Morgens, als ich nicht schlafen konnte, habe ich einen Sonnenaufgang erlebt, der mich tränenüberströmt wieder ins Bett gehen ließ. Ich ging bewusst schlafen, bevor der glühende Streifen mit seinem im Wortsinn überirdischen Farbenspiel ganz verschwunden war und der Tag oder zumindest die Sonne offiziell begonnen hatte. Und ich erkläre ebenso bewusst nicht, was ich dabei fühlte oder warum ich es nicht komplett auskostete.

Ich habe also nichts Besonderes zu erzählen. Was mache ich denn groß? Ich mache nichts, was irgendwie interessant wäre oder was andere nicht tun würden. Aber es ist einfach alles so schön.

Hier ein Foto von vor einer Woche, entstanden in dem Zen-Garten des Saarbrückener Hotels. Ich bin zwar todmüde nach den Messetagen, sehe aber nicht gerade sterbend aus, finde ich. Die Perücke sitzt allerdings wieder mal schief.



Aber was MACHEN Sie denn so?

Ich werde oft gefragt, was ich denn so mache oder gemacht habe, insbesondere wenn ich ein paar Wochen nichts geschrieben habe. Die Antwort lautet meistens, nein, immer: Ich habe gelebt! Da blieb keine Zeit fürs Bloggen. Dass mein Blog kein Logbuch ist mit den genauen Trajektoren meines Treibens, auch wenn das Wort Log drinsteckt, sollte klar sein. Es interessiert mich selber meistens nicht, was die anderen MACHEN. Mich interessiert, was sie DENKEN. Da ich aber ein zuvorkommender Mensch bin, habe ich nachgedacht, was ich in den letzten Wochen oder Monaten denn tatsächlich so gemacht habe. Genauer: Was habe ich gemacht, wovon ich Fotos habe? Ich habe Fotos zum Beispiel von dieser Sache hier.



Wunderschön, aber kein Vergleich zum ersten Mal, das ich in meinem Buch so beschreibe:

„Seit meiner Krankheit mache ich Sachen, die ich vielleicht nie getan hätte, wenn ich mehr Lebenszeit hätte. Einmal habe ich mich trotz meiner Höhenangst zu einem Tandemflug mit dem Gleitschirm durchgerungen. Schon nach den ersten Metern in der Luft wusste ich: Wegen solcher Erlebnisse möchte ich mein Leben nicht missen. Ich heulte dabei wie ein Schlosshund, benetzte quasi mit meinen Tränen die Erde, während ich auf sie zuschwebte.“

Diesmal habe ich nicht geheult. Stattdessen habe ich höchstens mit geographischem, geologischem und städtebaulichem Interesse die Umgebung von oben betrachtet und gedacht: „Sieh mal an, in diesem Miniort hat auch einer einen Swimmingpool. Der Bürgermeister? Mal schauen, ob irgendwo noch einer einen hat. Nee, wohl nicht. Ok, die schlechte Konjunktur, oder die durchschnittliche Jahrestemperatur ist zu niedrig zum Schwimmen. Es müsste aber warm genug sein, und vom Skifahren allein können sie nicht leben, es ist ja auch ein ausgewiesenes Sommerziel: Kühe, Gras und Fachwerkhäuser. Aber den Schrotthaufen da links, wo unser Auto steht - was macht diese Jugendgang da eigentlich neben unserem Auto? -, müssten die echt mal wegmachen, der kommt nicht so gut von oben. Oh, wir landen gleich. Was hat er noch gesagt - die Füße nicht einziehen, sondern schön mitlanden.“

Ich sah meine eigenen Thesen bestätigt: Neue Erlebnisse verlängern das Leben. Wiederholung ist nicht dasselbe. Routine verkürzt das Leben.

Dies war mit einer monotonen Höhlenmenschenstimme gesprochen. Und jetzt normal: Warum ist das bloß so? Warum kann man Glück so selten erleben? Warum habe ich mir selbst alles kaputt gemacht? Sind Erwartungen der Tod eines jeden Erlebnisses? Folgendes ist keineswegs eine Antwort. Auch keine Frage, sondern höchstens eine Teilfrage auf eine Teilantwort. Ja, genau so verquer.

Es braucht wohl doch Adrenalin, ein klein wenig Angst, um starke Emotionen zu spüren. Ich bin alles andere als ein Adrenalinjunkie, und obwohl es kaum etwas Schöneres gibt als die eigene Angst zu überwinden, kann ich von Angstüberwindung nicht mein restliches Leben zusammenbasteln, das wäre mir zu wenig. Nichtsdestotrotz habe ich bei diesem Flug, von dem ich mir so viel versprach, etwas vermisst. Vielleicht mich selber.

Nun hätte ich in der Luft Seifenblasen machen können, oder lesen, oder ein paar lustige Loopings, wenn der Fluglehrer das erlaubt hätte, oder wenn ich ihn überhaupt gefragt hätte. Vermutlich hätte er dann ganz schnell landen wollen. Ich hatte ihm schon vorher gesagt: "Mir wäre lieber, wenn wir in der Luft nicht sprechen". Letztes Mal hat er nämlich immer erklärt, was für ein See oder Hügel da drüben zu sehen sei. Ich saß vor ihm, ohne dass er mein Gesicht sah. Und weinte. Ich weinte und war glücklich, und wollte keine Menschensprache hören, die diesen Hügeln oder Seen Namen gegeben hat. Ich war diese Hügel, ich war diese Seen, ich fühlte mich Gott nahe. 

Nichts war ich diesmal. Ein armseliges Menschenwürstchen war ich, das überlegte, ob der Bürgermeister wohl korrupt sei, wenn er sich als Einziger einen Swimmingpool leisten kann.

Montag, 23. Mai 2011

WARNUNG

 
Ein Blogleser hat mich unbewusst dazu gebracht, diesen Beitrag zu schreiben. Er hat mein Buch seiner Frau, die gerade mit adjuvanten Brustkrebstherapien zu kämpfen hat, in die Hand gedrückt, ohne es selbst gelesen oder wenigstens überflogen zu haben. Als ich das hörte, lief es mir kalt den Rücken runter.

Ich habe sowieso jedes Mal Bauch(und Brust)schmerzen, wenn ich sehe, dass mein Buch unter „Brustkrebs“ gelistet wird. Bei Amazon steht es unter anderem in der Kategorie Bücher > Ratgeber > Gesundheit & Medizin > Frauen > Brust & Brustkrebs. Mehr daneben kann man kaum noch liegen, denn es spielt keine große Rolle mehr, dass ich vor sieben Jahren mal Brustkrebs hatte. (Selbst wenn, hätte ich kein Interesse daran gehabt, einen Ratgeber zu fabrizieren, von denen es auf dem Büchermarkt mehr als genug gibt, zum Teil auch sehr gute und informative.) Jetzt habe ich Lebermetastasen, keine medizinische Heilungschance mehr, und meine Lebenssituation, meine Ziele, meine Psyche und meine Seele haben sich völlig verändert.

Um zu vermeiden, dass noch mehr Angehörige das Buch einfach so weiterempfehlen (das war jetzt der dritte Fall, von dem ich hörte - also allerhöchste Eisenbahn für mich), nur weil dort das Wort ‚Brustkrebs’ vorkommt oder sie irgendwo gehört haben, das Buch sei ganz toll und interessant, nur weil seine Frau mit ihren Freundinnen letztens so lebhaft darüber diskutiert hat, fühle ich mich verpflichtet, eine Warnung vor meinem eigenen Buch auszusprechen:

Schenken Sie das Buch NICHT an Menschen, die gerade frisch diagnostiziert worden sind, kurz vor einer Krebstherapie stehen oder mittendrin stecken. Schenken Sie dieses Buch am besten an überhaupt keinen, der Krebs hat oder hatte, UND dem noch alle Wege zur Heilung offen stehen, denn diese Personen haben eine völlig andere Lebenssituation als ich. Geben Sie es nur weiter, wenn Sie die betroffene Person in- und auswendig kennen, sie humoristisch veranlagt und nicht ganz unbelesen ist und Sie meinen, dass es eine originelle, spannende Geschichte ist, die ihr eh schon sehr differenziertes Weltbild ergänzen könnte. Bei geringstem Zweifel bitte ich, vom Kauf meines Buches abzusehen.

Als ich selbst vor sieben Jahren in dieser – für mich aus heutiger Sicht beneidenswerter - Situation war, hätte ich nie ein Buch lesen wollen, an dessen Ende als Quintessenz NICHT stand: „Ich habe den Krebs besiegt, jetzt ist erst mal alles gut.“ Damals ging es mir nur um Heilung und die Bestätigung, dass auch meine Geschichte bestimmt gut ausgehen wird. Alles andere war nebensächlich und Todkranke waren eine Welt, mit der ich nichts zu tun haben wollte. Eine Bekannte, die in der Onkologie arbeitete, sagte mir damals: „Es ist erstaunlich, wie viele Wunder bei uns dann doch immer wieder geschehen.“ Ich wartete gebannt und gierig auf erstaunliche Erfolgsgeschichten, als sie sagte: „Wir haben da gerade einen Mann, der längst tot sein müsste, aber er liegt da seit fünf Monaten und ist sogar ansprechbar und alles“. Was sich in meinem Innern bei der „Pointe“ abspielte, weiß sie gar nicht. Und mir damals, als ich nach einem Therapiemarathon ein neues, gesundes Leben beginnen wollte, ein Buch zu empfehlen, weil darin jemand seine Todesdiagnose ganz gut meistert, hätte mich total verstört. Bitte, tun Sie es nicht, liebe Angehörige.
 
Ganz abgesehen davon: Es ist auch nichts für Menschen, die gerne Rosamunde-Pilcher-Filme schauen, weil sie sagen, die seien so spannend / gut erzählt / schön / romantisch, und das Leben sei schon schwer genug, da käme das Stück heile Welt am Abend gerade recht. (Vor allem aber, weil sie so gut erzählt seien.)

Und es ist nichts für Menschen, die der Meinung sind, dass man ernste Themen in einer ernsten Sprache behandeln muss, weil man der Sache sonst nicht gerecht würde. Mein Credo lautet: Eine leichte Verschiebung im Blickwinkel rückt die Sachen oftmals erst zurecht.


Bedenkenlos empfehlen kann ich das Buch dagegen vor allem Gesunden, die mit ihrem Leben unzufrieden sind und einen Vergleich nach unten gut gebrauchen können. Für diese kann es sehr heilsam sein, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. (Wie ein Leser seinen Freunden gesagt hat: „Wenn ihr Sorgen habt, lest dieses Buch. Danach habt ihr keine mehr.“) Dann für Todkranke, die nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen, die aus ihrem Tief und den trüben Gedanken nicht rauskommen und auch keine psychoonkologische Hilfe in Anspruch nehmen wollen. Aber auch hier nicht für sehr instabile Menschen; für Menschen, die meinen, da ginge es um eine Wunderheilung; oder für solche, die schon in Ohnmacht fallen, wenn sie sich in den Daumen schneiden. (Ok., Letzteres können sich Todkranke eh wohl nicht leisten.)  

Keine allzu großen Bedenken habe ich, es den Angehörigen von solchen Kranken (müssen nicht nur Krebskranke sein) zu empfehlen, die keine Heilung erwarten können. Zumindest erhalten die Angehörigen einen kleinen Einblick in die Psyche und die Gedankenwelt von Menschen, die todkrank sind und altersmäßig eigentlich mitten im Leben stehen müssten. Natürlich bilden Todkranke keine homogene Bevölkerungsgruppe, die ähnlich tickt. Es ist genauso durchwachsen von Weltanschauungen und Umgangsstrategien mit dem Leben und dem Tod wie jede andere. Deshalb ist es nur EINE Möglichkeit, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Eben meine.


Ich weiß, dass das Buch eine unheimlich starke Wirkung entfaltet, es macht etwas mit Menschen, was nicht unbedingt leicht zu lenken ist. Jedenfalls schüttelt es den Leser erst mal gründlich durch, und ich schließe nicht aus, dass besonders instabile Personen ein „Schütteltrauma“ davontragen können. Die meisten anderen kommen natürlich ohne Blessuren davon, aber ob es ihnen passt oder nicht - irgendetwas wird meistens passieren.

Kürzlich schrieb mir eine ältere Leserin: „Ihr Buch ist verhext. Es zog mich so in seinen Bann, dass ich alles um mich herum vergaß, bis ich es zu Ende gelesen hatte. Ich habe mich gefürchtet, mitgefiebert, war erleichtert und glücklich und im nächsten Kapitel lag ich wieder am Boden, zusammen mit Ihnen. Ich habe geweint und gelacht wie bei keinem anderen Buch, manchmal beides gleichzeitig. Als ich das Buch zumachte, war ich ganz verschwitzt und fertig mit den Nerven, aber traurig und glücklich und einfach anders. Danach war ich noch tagelang ganz abwesend und vergesslich und immer in Gedanken bei Ihnen und Ihrem Leben. Mein Mann fragte, warum ich so komisch bin. Ich sagte: Dieses Buch lässt mich nicht mehr los. Mein Mann verstand nur Bahnhof, weil so hat er mich noch nie erlebt. Dann las er es selbst und ihm ging es genauso.

Leider weiß ich nicht, wie lange dieser irritierende Zustand bei diesem Ehepaar anhielt (es fehlen noch Langzeitstudien), aber Ähnliches höre ich immer wieder. Und nicht jeder mag einer solchen Wirkung gewachsen sein oder das überhaupt wollen. Das Buch ist nichts für schwache Nerven, und auch wenn es mit leichter Hand geschrieben ist, ist der Inhalt oftmals harter, bitterer Tobak.

Es müsste jetzt deutlich geworden sein, dass es kein Brustkrebsratgeber ist, sondern das Buch beschreibt in einer fast romanhaften Form eine konkrete auswegslose Situation innerhalb einer noch viel größeren auswegslosen Situation. Ich als Todkranke unternahm eine, wie ich dachte: letzte Reise in meinem Leben, weil ich mir noch was Schönes gönnen wollte und von meinem Lieblingsreiseland Abschied nehmen wollte, bevor ich von meinem ganzen Leben Abschied nehmen würde. Was ich bekam, waren acht Tage nicht enden wollenden Horrors, die fast mit meinem Tod geendet hätten – und dies auf eine ganz andere Weise als ich angesichts meiner Krebsdiagnose erwartet hätte. Ich musste bei dieser Reise alles, was ich glaubte, über Leben und Tod bereits gelernt zu haben, über Bord werfen oder zumindest relativieren.

Ich möchte nicht die Quintessenz des Ganzen darlegen, denn jeder zieht daraus seine eigenen Schlüsse, die er in seinem eigenen Leben und seiner eigenen Innenwelt einordnen kann oder eben nicht. Jeder nimmt aus Büchern nur das mit, was irgendwo in ihm bereits schlummert und auf Resonanz stoßen KANN. So soll es auch sein.

Aber noch mal: Bitte denken Sie gut nach, bevor Sie das Buch ungelesen einer kürzlich erkrankten Person schenken. Mehr als aufklären kann ich nicht, und das habe ich jetzt möglichst ausgiebig getan. Deshalb kann ich nun mit ruhigem Gewissen eine spannende Lektüre wünschen.

Sonntag, 15. Mai 2011

Nach der Sendung ist vor der Sendung

Mittlerweile habe ich, hoffe ich, alle unglaublich lieben und netten Zuschriften beantwortet. Falls jemand untergegangen ist, bitte beschweren. Ich bemühe mich jedenfalls tatsächlich, immer zu antworten, insbesondere wenn jemand sich richtig Zeit genommen hat und lang und persönlich schreibt, kommt es - zumindest aktuell - für mich gar nicht in Frage, überhaupt nicht zurückzuschreiben. Ganz zu schweigen von denen, die mich nicht nur irgendwo gesehen oder gehört, sondern sogar mein Buch gelesen haben. Jedenfalls vielen Dank an alle.

Ganz überraschend und vermutlich aufgrund der SWR-Leute-Sendung bin ich prompt in noch einer Sendung des SWR zu sehen - 15.05, also morgen, in der Landesschau mit Jürgen Hörig. Ich soll ca. 19.30 Uhr drankommen.

Ich habe eine interessante Erfahrung gemacht. Nein, ich meine nicht nur meine erste Radioerfahrung, sondern: Entweder liegt es an meinem DVD-Recorder, oder ist es der Zahn der Zeit (im Zusammenspiel mit der Krankheit), der an mir bzw. auch an meinem Äußeren nagt. Jedenfalls war ich, wenn nicht gleich erschrocken, so doch verblüfft, als ich die TV-Aufnahme der "Leute"-Sendung von mir sah. Und das nicht nur, weil ich selbstverständlich auf die besten Antworten erst nach der Sendung kam und wie immer die Gedanken schneller waren als die Artikulation, so dass hie und da ein Stück meines Gedankengangs fehlt. Aber ich zermürbe mich mit so etwas nicht (mehr), zumal die Zuhörer es nicht so empfanden, und das war auch nicht der Grund, warum ich erschrocken war. Sondern wie alt, faltig und fremd ich aussah. Ich war vor jener Sendung einverstanden, als die Maskenbildnerin meinte: "Wir machen ein ganz natürliches und leichtes Make-up", und genau das hat sie wohl auch wunderbar hingekriegt. Aber am Montag lasse ich mich in der Maske jedenfalls ordentlich zukleistern.

Das ist wohl einer der Nebeneffekte, wenn man unerwartet so lange lebt wie ich: Man wird älter. Aber man hat einen so radikalen Schnitt im Leben erfahren, dass man sich manchmal dabei ertappt, sich zu wundern, dass man altert wie alle anderen auch. Als wäre man Dorian Gray, nur weil man plötzlich todkrank ist. Ich bin ja schon fünfeinhalb Jahre todkrank, also auch älter als damals. Und die Chemo macht nicht gerade schöner - was wundere ich mich also. Das ist mir ja alles auch gar nicht so wichtig, aber interessant finde ich es schon.

Diese Woche war überhaupt die Woche der Überraschungen für mich, im Sinne von „So leben gesunde Menschen“. Die haben mit Sachen zu tun, die ich nie mehr zu erleben erwartete, und nicht alles davon ist das, was Gesunde mit Glück erfüllt. Da ich mich immer über neue Erfahrungen freue (müssen nicht immer schöne sein), freute ich mich diese Woche unter anderem über:

1.      Meinen ersten Punkt in Flensburg wegen zu schnellen Fahrens. Ich war einfach übermütig ob der Sonne und der Schönheit des Lebens, hörte laut Musik, so dass ich das Ächzen meines Twingo-Motors nicht hörte, und außerdem kenne ich persönlich niemanden, der auf dieser schönen geraden Landstrecke tatsächlich 70 fährt. Dabei bin ich alles andere als ein Raser, und leider eierte an dem Tag auch überhaupt keiner mit 60 vor meiner Nase herum wie sonst immer. Und - prompt wurde ich rechts ran gewunken aus meinen herrlich unbeschwerten Gedanken. Ich habe überhaupt zum ersten Mal einem Polizisten meinen Führerschein zeigen müssen und einen Polizei-Kastenwagen von innen gesehen, also alles lauter Nova für mich (das Plural von 'Novum' habe ich ehrlich gesagt selber auch gerade nachschlagen müssen).

2.      Dass ich noch erleben darf, wie mein Pass (genau wie ich) seit dem Ausstellungsdatum fast zehn Jahre auf dem Buckel hat und deshalb einfach abläuft. Da dieser gleichzeitig auch mein Reisepass ist und man bei Fernreisen meistens mindestens sechs Monate Gültigkeit vorweisen muss, bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als ihn bald zu erneuern. Was nicht einfach ist, weil ich immer noch estnische Staatsbürgerin bin und dafür ordentlich Action machen muss. Mache ich aber gern.

3.      Dass ich für mein altes Autochen noch einmal TÜV machen muss. Vermutlich kriege ich ihn nicht, also habe ich ein Problem. Ein schönes eigentlich, denn damals schien es mir unwahrscheinlich, noch einmal zwei Jahre bis zum neuen TÜV-Termin zu erleben.

4.      Und es gab noch ein-zwei völlig prophane, für mich aber überraschende Sachen oder Entdeckungen, die mir allerdings gerade nicht einfallen. Mit dem Alter lässt ja das Gedächtnis nach. Finde ich okay und gerecht.

Dienstag, 3. Mai 2011

Zwei Hinweise

Ich ergänze zwar immer wieder meinen Eintrag von Februar, „Presse“, aber da dort wahrscheinlich kein Mensch mehr nachschaut, hier noch ein aktueller Hinweis. (Das ist der Nachteil von einem Blog im Vergleich zur Homepage – man kann hier so schlecht strukturieren. Bzw. nicht schlecht, sondern gar nicht.)

Am Donnerstag, den 12.5 bin ich bei SRW1 in der Radiosendung „Leute“ zu Gast. Mein Gesprächspartner wird Wolfgang Heim sein. Die Sendung läuft von 10-12 Uhr, es wird immer wieder Musik eingespielt, reine Gesprächszeit sind 30 Minuten. Es sind auch zwei Studiokameras dabei, die Sendung wird nachts um Drei auch im Fernsehen übertragen. Ich werde die Fragen nicht kennen, das wird also wieder eine recht spontane Veranstaltung.

Ein anderer Hinweis: Ich habe auf der Startseite ein Feld hinzugefügt, wo ihr eure E-Mail-Adresse eintragen könnt, falls ihr keine Lust habt ständig nachzuschauen, ob ich was neues geschrieben habe. Falls dem so ist, bekommt ihr dann - zumindest wird das von dem Blogspot-Service so versprochen - eine automatische Meldung. (Heute ist dem allerdings nicht so, weil ich keine Zeit habe - muss vor dem Schlafengehen noch packen und wursteln, weil ich  morgen früh mit Steffen, Frank und Alex nach Madrid fliege. Danach schreibe ich wieder.)

Montag, 18. April 2011

Mein aktueller Gesundheitszustand April 2011 oder: Das Leben ist nicht totzukriegen

 
Mir geht es gut. Ja, mir geht es ausgesprochen gut. Der Frühling lässt meine Lebensgeister erwachen: Ich oder wir alle scheinen doch irgendwie einfach Geschöpfe der Natur zu sein, schwingen in seinem Rhythmus, nicht nur mental, sondern auch körperlich. Eigentlich bin ich mir nicht sicher, in welcher Jahreszeit ich am liebsten sterben würde. Vielleicht wäre es sogar leichter im Spätherbst oder Winter zu gehen, wenn auch die Natur tot ist und man nicht sieht, wie überall das neue Leben erwacht, an dem man nie mehr teilhaben wird. Aber an den Tod denke ich gerade nicht, ich denke an das Leben. Und bin dankbar, noch einen Frühling erleben zu dürfen, und, wenn’s nicht ganz blöd läuft, sogar noch einen Sommer. Allerdings, gierig wie ich bin, denke ich natürlich schon an den nächsten Frühling. Bzw. ich frage mich: Ist DIESER jetzt der letzte, oder kommt doch noch einer? Furchtbar. Dabei predige ich doch: Nicht an die (düstere) Zukunft denken, sondern sich an dem Schönen JETZT erfreuen.

Okay, ich will mich ausschließlich an dem Schönen erfreuen. Das heißt: Auch an meinen schönen inneren Werten. Einige meiner zahlreichen Lebermetastasen sind verschwunden, zumindest die zwei besonders eifrigen und aktiven, die ganz nah an den Nieren saßen. Ein paar andere sind ebenfalls angenehm löchrig oder sonst wie diffus geworden. Und einer der Tumormarker ist seit ca. hundert Jahren sogar wieder im Normbereich. Natürlich wird es nicht so bleiben, aber HEUTE ist es so. Danke, liebe Metastasen.

Anbei ein paar Fotos, die ich auf meinem Balkon aufgenommen habe und die den Untertitel „Das Leben ist nicht totzukriegen“ begründen sollen. Ich habe dieses Jahr noch gar nichts eingepflanzt, auch wenn ich im Frühjahr öfter mal ein großzügiger, um nicht zu sagen: außer Rand und Band geratener Kunde von „Pflanzen Kölle“ war. Zitronenmelisse brauche ich dort jedenfalls nie mehr zu kaufen, die prescht jedes Jahr durch alle Balkonritzen hervor und ist von Gartenbesitzern angeblich verhasst, weil man sie nie mehr loskriegt, wenn sie einmal da ist. Ich sage: Zitronenmelisse, willkommen! Mach dich breit und gedeihe und gib mir das Gefühl, fast in einem verwucherten Garten zu sitzen. Alles, was auf den Bildern zu sehen ist, ist natürlich gewachsen, oder natürlich eingegangen, teilweise nebeneinander in einem Topf. Genau wie im richtigen Leben: Leben und Tod liegen dicht beieinander. Wobei ich gleich die Frage hinterher schieben muss: Was ist das richtige Leben? Na, das hier ist es jedenfalls ganz sicher.

Jeder Frühling ist für mich also eine Überraschung, auch was meinen Balkon betrifft. Da ich nie weiß, wer oder was den Winter überlebt, bzw. was davon mehrjährige Pflanzen sind, lasse ich sie einfach alle in ihren Töpfen und freue mich, wenn sie wiederkommen. Der Löwenzahn ist ganz neu, sein Pollen hat ganz schön hoch fliegen müssen, um mitten in meinem Topf zu landen (alle Achtung und willkommen), in dem ansonsten schon zum dritten Mal ein nettes Geflecht wächst, das irgendwann im Sommer kleine dunkelblaue Blüten trägt. Keine Ahnung, wo es herkam oder wie es heißt, es ist einfach wunderschön.


Freitag, 15. April 2011

Tag der selektiven Wahrnehmung

Drei Meldungen von einem Tag, die mich den Satz „Mein Leben ist absurd“ (Betonung auf „Mein“) wieder einmal relativieren lassen.

Erste Meldung.
Ein LKW-Fahrer, der mit 20.000 Liter Gülle im Landkreis Vechta unterwegs war, hat die Kontrolle über seinen Wagen verloren und ist kopfüber im Straßengraben gelandet. Als die Feuerwehr ihn befreite, war er bereits in der ausgelaufenen Gülle ertrunken.

Ich stelle mir mal Folgendes vor. Diesem LKW-Fahrer wird am Morgen mitgeteilt, dass er heute sterben wird, er dies jedoch abwenden könne, wenn er errät, unter welchen Umständen genau dies passieren wird. Ich fürchte, selbst bei überdurchschnittlicher Phantasiebegabung wäre der Mann nicht auf die richtige Lösung gekommen.

Die zweite Meldung
Ein 35-jähriger Geisterfahrer mit ziemlich offensichtlichen Selbstmordabsichten ist in der Nähe von Tübingen frontal in ein entgegenkommendes Fahrzeug gerast. In jenem saß eine dreiköpfige Familie. Die 40-jährige Frau und ihre 11-jährige Tochter wurden schwer verletzt, der Fahrer, der 43-jährige Familienvater, kam ums Leben. Der Selbstmörder hat überlebt.
Diese Meldung lasse ich jetzt am besten unkommentiert.

Dritte Meldung.
Barbara und Mario Martin aus Niederbrechen bei Limburg  kämpfen bei Behörden darum, dass ihre drei toten Kinder offiziell als ehemals und kurzzeitig existent anerkannt werden. Die Nabelschnur des ersten Kindes, das schon vor einem Jahr mit 440 Gramm tot auf die Welt kam, soll nämlich kurz pulsiert haben – ein Grund zur Anerkennung, wie es auch das Gesetz vorsieht. Zu spät für die Eltern, die im Krankenhaus darüber nicht aufgeklärt wurden.

Die beiden später erfolgten Zwillinge kamen ohne eine Überlebenschance auf die Welt, das eine mit 290 Gramm, das andere, das immerhin einen Tag überlebte, mit 500 Gramm. Damit bekommt dieses eine Geburts- und eine Todesurkunde, der kleinere tote Zwilling nicht, dieser wird demzufolge offiziell auch nie existiert haben. Genauso wenig wie das allererste Kind mit seinen 440 Gramm, dessen später Trumpf nun allerdings die erwähnte Nabelschnur ist. (Ein dokumentierter Atemzug wäre übrigens ebenfalls ein Anerkennungsgrund.) Die Grenze des Menschen liegt nämlich bei 500 Gramm.

Immerhin wurden ihre Kinder - auf ihren Wunsch hin - bestattet und nicht, wie es noch vor wenigen Jahren üblich war, zusammen mit amputierten Gliedmaßen, Tumoren und anderem Klinikmüll entsorgt.

Eine Frage: Wie viel wiegt eine befruchtete Eizelle? Da man sie unter einem Mikroskop betrachten muss, werde ich wohl nicht ganz danebenliegen, wenn ich annehme: Weniger als 500 Gramm. Also noch eine Frage: Warum genießt eine befruchtete Eizelle mehr Rechte als solche Kinder bzw. deren Eltern? Ein Kind von einem Pfund  ist kein Klumpen, geschweige denn Zellhaufen, sondern ein fast fertiger, wenn auch schwächlicher Mensch. Und was es für die Eltern bedeutet oder bedeuten darf, einen offiziellen Existenzbeweis ihrer Kinder in den Hälten zu halten, kann wohl niemand beurteilen.

Ein ganz anderes und doch genau gleiches Thema. Gerade ist ja die PID-Diskussion wieder groß im Gange: Ob es erlaubt sein soll, den eben angesprochenen Zellhaufen auf Krankheiten zu untersuchen und kranke Zellen einer Frau mit Kinderwunsch eben doch nicht einzupflanzen. Insbesondere wenn sie bekanntermaßen Trägerin einer genetisch übertragbaren Krankheit ist, schon kranke Kinder hat, oder sich sonst wie überfordert fühlen würde. Der Grund geht ja eigentlich niemanden etwas an. Ihr bliebe in ihrer Verzweiflung nur eine ganz reguläre spätere Abtreibung, wie sie jeder gesunden Frau auch ohne eine zurückliegende körperliche oder seelische Odyssee ebenso erlaubt ist. Ich will mir hier auch kein moralisches oder sonstiges Urteil anmaßen, nur wieder eine Frage: Hallo, gehts noch mit der Logik?

Natürlich ist das Geflecht der Probleme, die Entscheidungen über Leben und Tod generell mit sich bringen, schier unüberschaubar, eine vernünftige Entknäuelung kaum möglich. Insofern leben wir damit sowieso in einer Grauzone, und meistens nicht mal so schlecht, zumindest nicht, solange es der Humanität dient. Dass jedes Leben gleich viel wert ist, steht heute zum Glück außer Frage, und doch führt das Verfolgen dieses Credos meines Erachtens hier ad absurdum, d.h. zum Gegenteil dessen, was man erreichen möchte. Das Ganze lässt mich jedenfalls an einen edelmütigen Dichter denken, der bei einem Spaziergang den stolzen Adler weit oben in den Lüften besingt, während er - sehenden Auges, nicht aus Zerstreutheit! - auf dem Boden liegende Vogelnester zerstrampelt. 

Die Fragen um Leben und Tod sind wohl einfach genauso vielfältig und individuell wie jedes einzelne Leben und jeder einzelne Tod. Auch wenn mein eigenes Thema weniger der Lebensanfang als das Lebensende ist, zeige ich, wie ihr seht, lebhaftes (!) Interesse an allen Lebensfragen. Und Manches begreife ich einfach nicht. Vielleicht liegt es auch daran, dass es nicht zu begreifen ist?

Dienstag, 5. April 2011

Von wegen "Tabula rasa"

Heute hatte ich Gelegenheit, dem Entstehen neuen Lebens beizuwohnen – ich war beim Kükenschlupf und bin immer noch ganz überwältigt. Wie muss es da noch sein, einem Elefantenbaby bei der Geburt zuzuschauen! (Oder Knut.)

Eine Frau, die auf der Neugeborenenstation gearbeitet hat, sagte mir mal, dass sie es für Blödsinn hält, den Neugeborenen als ein unbeschriebenes Blatt zu bezeichnen. Jedes Baby hat schon einen ausgeprägten Charakter, das könne man schon allein durch die Mimik und Gestik sowie die verschiedenen Arten des Schreiens feststellen: Der eine plärrt sich vor Wut heiser, der andere quäkt ganz leise und unentschlossen, der dritte gibt kaum einen Mucks von sich. Und der eine hebt permanent verwundert die Augenbrauen, der andere runzelt die Stirn oder die Nase, der dritte will nichts wissen, sondern immer nur seine Ruhe haben. Und die Milch natürlich. 

Selbst frisch geschlüpfte Küken bringen einen eigenen Charakter mit in diese Welt. Und der Überlebenskampf und der Kampf um einen Platz in der Gesellschaft gehen schon mit den ersten Lebensminuten los. Der eine liegt apathisch in der Ecke und versucht sich zu besinnen, woher er kam und wo er ist, und warum eigentlich. (Naja, so in etwa.) Der andere ist voller Elan, klettert über die anderen hinweg und steckt seine Nase überall hin. Dieses niedliche Wesen auf dem Foto, etwas klein geraten, aber bereits ein Querulant, hatte nichts besseres zu tun, als den anderen, der nicht so glücklich darüber war, wo er nach der ganzen Anstrengung gelandet war, mächtig auf Trab zu halten. (Vielleicht schon zu viel Testosteron im Körper.) Selber kaum Federn am Hintern, aber schon den Schwächeren fertig machen und auf ihm rumhacken.

Wie oben, so unten – falls man uns Menschen unbedingt als „oben“ bezeichnen möchte.

P.S.
Den Kreis kann man theoretisch auch erweitern. Ich stelle mir die Welt gerade also als eine Schrebergartenkolonie vor: Der eine Nachbar pflegt liebevoll seine Dahlien und ist lieber für sich allein, der andere wirft Müll über den Zaun, unterdrückt seine eigene Frau und die Kinder und proletet auf jeder Gartenparty herum, bis sie in einer Schlägerei endet. Die Vereinsvorstandsmitglieder appellieren an die Vernunft und holen sich ein blaues Auge. Die restlichen Nachbarn schütteln den Kopf und schwören sich, mit solchen Nachbarn nie wieder was zu tun haben zu wollen. Zumindest bis zur nächsten Party.

Ich hoffe, dass es irgendwo im Universum nicht heißt: "Ja, ja, die Erde! Was für ein dummer, ignoranter Nachbar! Denkt, er wäre der Größte, dabei ist er gerade dabei, seine Hütte abzufackeln. Naja, was soll’s, dann kriegt das Grundstück vielleicht endlich jemand Gescheites."


Sonntag, 3. April 2011

Weltreise auf der Wand



Wer mein Buch gelesen hat, weiß vielleicht noch, wo mein Fernweh seinen Anfang nahm. Anbei die "Beweisfotos" und die entsprechende Stelle im Buch. Zur Erinnerung: Wir lebten hinter dem Eisernen Vorhang in Estland. Diese Weltkarte begleitete mich meine ganze Kindheit hindurch.

Ich bin die mit dem Pferdeschwanz, links ist meine Schwester Kristiina.

...
Als ich fünf Jahre alt war, hängte unser Vater im gemeinsamen Kinderzimmer von mir und meiner Schwester Kristiina eine riesige bunte Weltkarte auf. Von nun an war eines unserer Lieblingsspiele: „Die Weltreise an der Wand.“ Wir wussten nichts von der Welt, wollten sie aber beide kennenlernen.
Damals hatten wir unsere eigenen Kinderkriterien für schöne Länder: nette Farbe, interessanter Name oder lustige Form. Italien war deshalb natürlich ziemlich begehrt – hier lief auch unsere Fantasie regelrecht in Siebenmeilenstiefeln herum. Argentinien – das ich allerdings bis heute nicht besucht habe – nahm meist diejenige, die durchs Losglück mit der Weltreise anfangen durfte. Wir reisten nämlich abwechselnd und kein Land durfte zweimal genommen werden. Argentinien war auf der Karte nicht nur rosa eingefärbt, sondern der Name klang so wunderbar, wie der einer Blume oder eines Tanzes. Dort mussten wohl Feen leben. Venezuela – das ich ebenfalls bis heute nie besucht habe – war zwar langweilig beige, aber dieses Wort konnte man schwärmerisch in die Länge ziehen, während man einen triumphierenden Blick zu der anderen hinüberwarf. Wer dort wohnte, wussten wir nicht, aber wir dachten uns auch zu diesem Land unsere eigenen Geschichten aus. Fiel uns nichts Neues ein, lebte dort einfach ein trauriges, aber sehr schönes und kluges Waisenkind, das sein Glück suchte und natürlich auch fand. Was ein solches Glück wäre, davon hatten wir keine rechte Vorstellung, aber immer ging in den Märchen jemand in die große weite Welt hinaus und suchte es.
Leider endete das Spiel oft im Streit, denn es war zu nervenaufreibend, um die Länder der Welt zu kämpfen, während wir zusammengepfercht in einem Sessel saßen, der nachts zu meinem Bett ausgeklappt wurde.

...

Jede einzelne Reise ist wie ein ganzes kleines Leben: Man macht sich auf den Weg, kommt – idealerweise – auch an, schaut sich um, staunt, freut und ärgert sich auch mal oder ist gar verzweifelt, wenn gerade alles schief läuft. Aber am Ende hat man den Ort und seine Menschen ins Herz geschlossen. Und selbst wenn nicht, dann nimmt man sie trotzdem mit nach Hause. Auf diese Weise verlängert Reisen mein Leben, denn je mehr man erlebt, desto mehr lebt man auch.
Seit ich weiß, dass es keine Heilung geben wird, außer es geschieht ein Wunder, habe ich von der Welt mehr gesehen als die Bewohner einer mittelgroßen Stadt im 19. Jahrhundert zusammen, inklusive Bürgermeister. Wie kann man da denn nicht dankbar sein!

Donnerstag, 24. März 2011

Tschernobyl


1986, im Jahr des Tschernobyl, war ich Siebzehn. Ende April verbrachte ich die erstaunlich sonnigen und warmen Frühlingstage im Bikini, zusammen mit einer Freundin auf dem Dach unseres achtstöckigen Plattenbaus. Das waren einige wunderschöne Jugend- und Frühlingstage, abgesehen von dem Sonnenbrand, dem wir uns jedoch jeden Tag von neuem stellten. Wir waren jung und schön, wollten aber noch schöner werden. Solarien gab es noch nicht, ein so tolles Wetter Ende April in Estland üblicherweise auch nicht, also musste es sein. 

Später erfuhren wir, dass ausgerechnet während jener Tage die Strahlenwolke klammheimlich unter der russischen Infosperre über Estland hinweg gezogen war. 

Der Groll in der Bevölkerung darüber war groß, aber das war er seit zig Jahren. Das war für uns alle nur ein weiteres Beispiel, wie unfähig und menschenverachtend das sowjetische System war. 

Wenn ich eine Liste mit möglichen Ursachen für meinen Krebs schreiben wollte, würde sie lang, und ein Punkt darin wäre sicherlich Tschernobyl. Da wir damals keine große Wahl an Lebensmitteln hatten, bin ich mir sicher, dass ich mir das eine oder andere Becquerel in dieser Zeit gern oder ungern schmecken ließ. Nur auf Pilze haben wir, glaube ich, verzichtet, die im Frühjahr in Estland allerdings eh rar gesät sind.

Ich kannte übrigens einen der sogenannten „Liquidatoren“. Was für ein scheußliches und zudem unzutreffendes Wort! Die Sache ist ja heute noch nicht wirklich „liquidiert“, außerdem suggeriert es etwas Machtvolles wie „Terminator“. Die verängstigten, verhuschten Gestalten, deren vermutlich weit aufgerissene Augen man nur wegen der „Schutz“Brillen nicht sehen konnte, verkörperten nichts davon. Und was sie in erster Linie, zusammen mit einem Schaufel voll Schutt, in ein riesiges Loch reinkippten, war ihre gesunde Zukunft.

Der „Liquidator“, den ich kannte, war ein Junge aus der Nachbarschaft in Tallinn, der zu jener Zeit seine zweijährige Wehrpflicht in Russlands Pampa absolvierte, denn die Esten wurden nie in Estland stationiert, um eine mögliche nationale Gruppenbildung zu unterbinden. Und der wie so viele andere arme Säue für 40 Sekunden auf das Kraftwerkdach zum Schaufeln geschickt wurde. Jedenfalls fielen ihm ziemlich bald die Haare aus, um die er sehr trauerte, und ob er heute noch lebt, weiß ich nicht. Damals schaute ich seiner diesbezüglichen Demonstration fasziniert schaudernd zu, nicht ahnend, dass ich das irgendwann selber viel eindrucksvoller würde vorführen können, wenn ich denn wollte. 

Damals in Estland und ganz Sowjetunion wäre niemandem in den Sinn gekommen, gegen AKW-s zu protestieren. Erlernte Hilflosigkeit nennt man das in der Psychologie. Wobei es in der Psychologie einen Zustand beschreibt, der nach vielen negativen und verinnerlichten Erfahrungen zwar plötzlich wieder veränderbar wäre, was der Proband (üblicherweise ein Hund) allerdings nicht weiß. In der Sowjetunion war gar nichts veränderbar, außer dem Lebensumstand, dass man vermutlich in den Knast oder sonst wohin gesteckt worden wäre.

Mich sucht man allerdings auch heute vergeblich auf der Straße mit einem Transparent in der Hand: „Abschalten!“ Die sollen ruhig abschalten, ist mir auch recht. Fanatismus verfalle ich aber nicht so leicht, außerdem tangiert mich persönlich eine Strahlenangst nicht besonders. Bin schon längst verstrahlt, meine maximale Lebensdosis dürfte erreicht sein. Aber die Sorge derer, die eine längere Lebenserwartung haben als ich, verstehe ich natürlich sehr gut. Bin ja nicht blöd.

Hysterie und blinder Aktionismus haben mir aber schon immer Angst gemacht, im Gegensatz zu allen theoretisch möglichen GAU-s und Super-GAU-s. Ich finde es in Ordnung, erst mal innezuhalten und zu überlegen, was man denn nun macht. Auch wenn "Moratorium" ein mindestens so scheußliches Wort ist wie "Liquidator". Wenn mir etwas Angst macht, dann nicht unbedingt die Möglichkeit, dass in der Zwischenzeit ein Flugzeug in ein AKW stürzen könnte, sondern die angekündigten Stresstests. Tschernobyl passierte bekanntlich im Zuge eines solchen Tests. Und idiotische Hau-Ruck-Aktionen (wie z.B. die Lachnummer mit E10) fände ich hier wirklich nicht wünschenswert. Nachher kostet das alles wieder wahnsinnig viel Geld, läuft aber wegen der kurzen Planungs- und Vorlaufzeit alles irgendwie schief und muss überdacht, nachgebessert oder womöglich wieder abgebaut werden. Oder bringt woanders riesige Probleme mit sich, die vermeidbar wären wie die allwinterlichen Überraschungen mit den Winterreifen. Ach, das ist alles gar nicht mein Metier, Schluss damit.

Aber meine eigene Lehre, die schnell und gern mal die Vogelperspektive eines aus der Gesellschaft Herausgefallenen einnimmt, ist einfach wieder mal: Das kleine größenwahnsinnige Tierchen namens Mensch hat wieder mal nichts im Griff - weder die Natur noch das Atom. (Die AKW-s sind übrigens ein interessantes Beispiel für die faszinierende Wechselwirkung zwischen Phänomenen auf Makro- und Mikroebene, finde ich.) Wenn es alles nicht so tragisch wäre, wäre das eine wohltuende Erkenntnis und gut fürs Selbstbewusstsein der Menschheit. Beziehungsweise vielleicht nicht gut, aber gesund für das Selbstbewusstsein der Menschheit. Aber leider ist es ja diesmal so tragisch. Das ist halt keine Aschewolke über Island, das den Flugverkehr lahm legt. Damals habe ich mir ehrlich gesagt zwischendurch sogar ins Fäustchen gelacht, weil ich selber nirgendwohin fliegen musste. Schön egoistisch und ignorant, klar. Ich bitte wirklich und aufrichtig um Entschuldigung bei Leuten, die in Bredouille kamen, aber ein kleines Schnippchen seitens der Natur fand ich an sich nicht so übel. Nun liegt die Sache natürlich völlig anders. Trotzdem: Die Natur ist nicht grausam, sie IST einfach.

Japan

Ich war in den letzten Wochen etwas schwach auf der Brust. Mittlerweile kann ich allerdings berichten, dass ich, ganz im Gegenteil, körperlich endlich wieder richtig stark auf der Brust bin. Auch wenn es diese Redewendung gar nicht gibt. 

Aber über mich zu berichten kommt mir momentan so schäbig und unwichtig vor. Was in Japan vor sich geht, nahm und nimmt mich so mit, dass ich tagelang an kaum etwas anderes denken konnte und regelrecht meine Lebensfreude und den Antrieb verlor. Als zu allem Überfluss auch noch Gaddafi wieder auf dem Vormarsch war und niemand auf der Welt was unternahm, war der Ofen bei mir endgültig aus. Die Welt schien für eine Weile gar kein lebenswerter Ort mehr zu sein.

Der Junge, der den Reportern mitten im Schutt mit der metallenen Stimme der Resignation eines nicht mehr Schockierten, sondern mitten im Trauma Angekommenen berichtet, dass er niemanden mehr hat. Die Frau, die ein Foto und eine Gardine ihrer 99-jährigen Mutter aus einem Müllhaufen zieht und sich der Kamera erst entreißen kann, als sie entschuldigend mit der Hand abwinkt. Eine doppelte Unhöflichkeit muss es für sie gewesen sein: Gesichtsverlust wegen Gefühlezeigen und dann auch noch die unerhörte Bitte, sie in Ruhe zu lassen. 

Ich würde all die traumatisierten Menschen in Japan in mein Bett legen (in meinem diesbezüglichen Wunschtraum ist es nämlich fast so groß wie Japan), sie ganz warm zudecken und in einem Kochbuch oder Wikipedia nachlesen, wie man eine richtig leckere Miso-Suppe kocht.

Mein Wunschtraum geht aber noch weiter. Aufgrund einer Verkettung der unglaublichsten Umstände ist im Zeit-Raum-Kontinuum ein nie da gewesener und von Wissenschaftlern aller Welt gerade fieberhaft untersuchter Sprung entstanden, wie bei einer – nein, nicht Kontinental-, sondern Schallplatte -, somit ist dies alles nicht geschehen und ich kann ihnen berichten, sie könnten nach einem schönen Frühstück mit grünem Tee die Flugzeuge besteigen, die für sie schon bereit stünden, um sie zu ihren Lieben nach Hause zu bringen. Sie würden auf meinen Tee pfeifen. Nein, natürlich nicht. Sie würden ihn allerhöflichst und mit großem Bedauern ablehnen, weil sie aufgrund der unerwarteten freudigen Umstände sich nicht in der Lage sähen, diesen zu sich zu nehmen, auch wenn sie meine Gastfreundschaft sehr zu schätzen wüssten und es demzufolge sehr gerne täten etc. Und ich würde sie sofort in meinem uralten Twingo zum Flughafen fahren, alle Hunderttausend.

Aber eigentlich kommt das reale Bild dem sogar näher als mir lieb ist: Sie liegen ja wirklich in großen Hallen wie in einem riesigen, aber leider unbeheizten Bett, Glied an Glied, und essen ihre Miso-Suppe oder was anderes. Und ich kann ihnen nicht helfen.

Es gab eine Zeit vor vielen Jahren, als ich morgens immer mit dem Gedanken aufwachte: „Krebs!“ Jetzt ist mein erster Schreckgedanke: „Japan!“ Die kleine (trügerische?) Atempause momentan ist wirklich eine kleine (trügerische?) Erleichterung.

2006 war ich selbst in Japan, deshalb ist mir keine Sekunde die Frage gekommen, die zurzeit überall öfters geäußert wird: „Wie kann es sein, dass die Japaner es so besonnen hinnehmen?“ Nichts anderes habe ich von diesem bescheidenen, ruhigen und rücksichtsvollen Völkchen erwartet. Selbst wenn die Versorgungslage so schlimm würde, dass tatsächlich Plünderungen stattfänden, stelle ich sie mir ungefähr so vor: „Bitte, nach Ihnen, plündern Sie ruhig zuerst, ich komme dann nach Ihnen dran“. Vermutlich würden sie noch Geld für die mitgenommene Ware neben die Kasse legen.

Jedenfalls leide ich mit ihnen wie ein Hund. Und ich schäme mich ein wenig fremd, dass die Japaner noch nicht mal den Schlamm und die aller-, allererste Schockstarre aus dem Gesicht wischen konnten, dass kaum eine einzige Leiche geborgen worden war, als schon die AKW-Debatte in Deutschland losging. Klar - sinnvoll und notwendig, nur: Hätte man nicht wenigstens ein paar Tage warten können, bevor man losschrie: "Was bedeutet das für uns?! Sind wir auch in Gefahr?!" 

Sei's drum. Vielleicht war diese Pietätlosigkeit auch nur Kanalisierung der eigenen Hilflosigkeit, weil man von hier aus nicht wirklich helfen konnte. Ich hoffe es.

Abgesehen davon: Vielleicht sind wir in Gefahr. Vielleicht geht die ganze Welt unter. Das tut sie sogar ganz sicher, sobald die Sonne nicht mehr existiert. Aber Sonne hin oder her, in Gefahr sind wir permanent. Das Leben ist halt eine verdammt gefährliche Angelegenheit, im Kleinen wie im Großen. Irgendwie ist es doch zustande gekommen, dass auf der heutigen Landkarte kein Gondwana mehr zu entdecken ist und dass die Lage der Erdachse uns einen vier Stunden kürzeren (oder längeren?) Tag beschert als vor einigen Milliarden Jahren. Ja, wie bloß? Ich tippe da mal ganz „provokativ“ auf Verschiebungen der Kontinentalplatten. Aber diese Vogelperspektive ist gerade wohl weder sachdienlich noch gefragt.

Ich begebe mich lieber wieder meinem Tagtraum hin und tröste die Japaner in meinem riesigen warmen Bett.

Dienstag, 22. Februar 2011

Zwischendurch

Ich stelle fast verwundert fest, dass ich zwei Wochen lang nicht geschrieben habe. Übermäßig groß scheint mein Mitteilungsbedürfnis also nicht zu sein. Aber ich habe gerade auch zwei Zeitungsartikel zu schreiben, und da ich bei einem davon das Thema frei wählen darf, will ich gleich eine Quadratur des Kreises, das heißt, alles abhandeln, weil es vermutlich nicht mehr allzu viele Artikel aus meiner Feder geben wird. Aber solche Freiheiten darf man mir halt nicht geben, ich kann damit offenbar nicht umgehen.

Spaß beiseite.

Mir geht es momentan ganz gut, ich bin fit, das heißt: chemofähig. Habe letzte Woche die dritte Gabe Gemzar bekommen und sie auch wohl besser vertragen als die beiden davor. Morgen ist „Blut“, und wenn es in Ordnung ist, dann Donnerstag die vierte Gabe. Ich freue mich. Und das soll nicht makaber klingen, sondern ich tue es wirklich. Das Mittel scheint ja ein wenig zu helfen. Die Leberwerte sind zwar dadurch in die Höhe geschossen, aber laut meinem Arzt noch nicht wirklich beunruhigend. Ein wenig paradox ist das Ganze schon: Es werden Lebermetastasen bekämpft - mit Mitteln, die die Leber beschädigen. Hoffentlich beschädigen sie nebenbei auch die Metastasen.

Gerade ist sogar die Sonne raus gekommen. Ach, ist das schön. Keine Zeit mehr zu schreiben.

Dienstag, 8. Februar 2011

Mein erstes Morphium (Vorsicht - ellenlanger und schlechter Beitrag)

Einmal habe ich fünf Tage lang mit unerträglichen Bauchschmerzen im Bett vor mich hingelitten, bis ich, geschickterweise am Wochenende, zu der schlauen Einsicht kam, dass ich vielleicht doch zum Arzt sollte. Nicht weil ich was Ernstes hätte haben können (ganz blöd bin ich ja auch nicht: Bevor ich krepiere, kontaktiere ich schon den Arzt). Nein, ich hatte gleich das Gefühl, dass es nichts Konkretes ist, weil nicht wirklich lokalisierbar, sondern eventuell sogar psychosomatisch, sprich: eingebildet. Meine Lebermetastasen waren dank Herceptin erst mal verschwunden, außerdem machen die, zumal am Anfang, nicht solche Schmerzen. (Leider bekam ich dieses Mittel nicht schon zwei Jahre früher, obwohl die Studienergebnisse dafür sprachen, dass es Metastasen verhindern kann. Eine adjuvante Behandlung mit Herceptin haben erst Gerichtsprozesse von tapferen Brustkrebspatienten durchgesetzt. Für mich kam die Entscheidung zu spät, obwohl ich von Anfang an dafür prädestiniert gewesen wäre.)
Nur ist auch der psychosomatische Schmerz selber immer real, nur seine Ursachen nicht, und dieser Schmerz ließ sich nicht mit meinen Schmerzmitteln bekämpfen, er hat sich verselbständigt und ich bin in der Schmerzschleife hängengeblieben. Deshalb war mein einziges Ziel nach fünf Tagen vergeblicher Selbstmedikation, stärkere Schmerzmittel zu kriegen. Das habe ich in der Notfallklinik, in die Steffen mich wegen des Wochenendes fahren musste, auch gesagt, aber die Prüfprozeduren ließen sie sich natürlich nicht nehmen, vom Röntgen bis zum Gynäkologen ("Ja, ja, ich habe Verständnis"), und als tatsächlich nichts Konkretes festgestellt wurde, ich aber immerhin schon Krebspatientin, also ernst zu nehmen und kein Junkie war, haben sie sich quälend langsam hochgearbeitet bis zum Morphium, das mir zwar endlich die Schmerzen nahm, aber leider auch meinen Verstand für eine Weile.
Es ist zwar anfangs nicht so leicht zu dosieren, dieses Morphium, besonders die Morphiumpflaster, die sie dummerweise statt Tabletten, oder noch besser, Infusion verwendet haben, aber angeblich kann man mit Morphium sogar recht normal, auch geistig normal, leben, zum Beispiel mit Krebs im Endstadium. (Bin dann mal gespannt.)
Was ich aber wirklich gelernt habe bei diesem Krankenhausaufenthalt, ist: Ehrlichkeit nützt manchmal gar nichts. In diesem Fall wollte ich den Ärzten und mir nämlich einfach was ersparen, denn meine Intuition war so stark, dass es nichts Organisches ist, und man weiß ja: Ärzte und Patienten haben Schwierigkeiten mit der Diagnose „Sie haben nix“, wie wenn das eine Beleidigung wäre. Deshalb hatte ich gleich signalisiert: für mich ist es keine Beleidigung, sondern sogar am wahrscheinlichsten, ich will nur den Schmerz bekämpfen, und das jetzt bitte schnell, bin so erschöpft davon.
(Am Rande: Steffen wurde beim Lesen dieser Krankenhausgeschichte richtig wütend, als ihm einfiel, was da alles noch nebenbei lief, was ich gar nicht mehr weiß, auf jeden Fall viele Fehler und Unprofessionalität auf meine Kosten oder sonstige unglücklichen Zufälle.
Zum Beispiel dass ich erst mal drei Stunden lang aschfahl und mehr tot als lebendig neben der Rezeption im Gang gelegen habe, bis jemand sich meiner annahm, und wie der Schmerztherapeut am Wochenende nicht da war, und der Anästhesist irgendwie auch erst mal nicht, und irgendein Bericht oder irgendwelche Bilder fehlten, die Steffen noch ganz schnell besorgen musste, denn sonst könnte es nicht wirklich weitergehen, und die dann erst mal zwei Tage in irgendeinem Büro herumlagen, wie sich später rausstellte. Et cetera, et cetera.
Und dass das stufenweise Hocharbeiten und sonstige Verzögerungen so viel Zeit gekostet haben, dass ich, die ich am Samstag eingeliefert wurde aus dem einzigen Grund, jetzt endlich schnelle Hilfe zu kriegen und die ich praktisch Sekunden zählte, bis die Hilfe eintritt - dass dieses Häufchen Elend, also ich, am Dienstag zum ersten Mal schmerzfrei anzutreffen war. Dann allerdings nicht wirklich als Mensch, sondern als ein unansprechbares Etwas, das kaum die Augenlider aufhalten konnte, die nichts Gescheites von sich gab und immer eine Nierenschale zum spontanen Reinkotzen auf der Brust positioniert haben musste.
Als ich einmal trotz allem "unterwegs" war, d.h. in meinem Dämmerzustand einer Alzheimerpatientin gleich den Gang entlangschlich, ohne zu wissen, wohin ich gehe, sah ich plötzlich schemenhaft einen Schalter vor mir und kniete mich davor nieder. Mir war nämlich wieder schlecht und ich wollte nach einer Nierenschale fragen, weil ich meine im Zimmer gelassen hatte, aber nach einem kurzen Seitenblick durch das Glas beachtete mich niemand weiter. Die Krankenschwestern unterhielten sich über was auch immer, während ich versuchte, die Worte zu formen. Es gelang mir nicht. Erst als ich eindeutige Würgegeräusche von mir gab, rannte eine Krankenschwester aus dem Kabuff raus und legte mir hastig eine Schale hin. Ich hoffe nur, dass ich das Ganze nicht hätte aufwischen müssen, falls sie nicht schnell genug gewesen wäre. Ich hätte aus Koordinations- oder Wahrnehmungsmangel wahrscheinlich die Wände abgewischt statt den Boden.
Dieses Erlebnis hatte ich allerdings erst, als es mir schon besser ging. Bis dahin waren die Tage Samstag bis Dienstag erst mal immer gleich abgelaufen: Zwischen den Infusionen steckte jemand den Kopf durch die Tür, sah mich weinen oder apathisch daliegen, schaute mich fragend an, ich schüttelte müde den Kopf, die Tür ging zu. Nach einigen Stunden same procedure: Abhängen, neue Infusion aufhängen, Tür zu.
Am vierten Tag war der Schmerz, wie gesagt, endlich weg. Aber ich war, wie ebenfalls gesagt, auch weg. Das mit "unansprechbarer Junkie" hat sich zwar irgendwann etwas gebessert, aber es hat mir nie eingeleuchtet, warum mir tagelang alles schön langsam per Infusion eingeflößt wurde. (Ich vermute sogar, dass sie erst mal mit Placebo losgelegt haben, hätte natürlich ja eventuell wirken können, wäre ich auch dankbar gewesen, der Zweck heiligt die Mittel.) Und anschließend jedes Mal Stunden vergingen, bis eine neue Lösung ausprobiert wurde.
Aber dass mir nach dieser Rumspielerei dann das Morphin nicht ebenfalls ganz vorsichtig und langsam ins Blut getröpfelt wurde, sondern mir plötzlich ein schönes ultrastarkes Morphiumpflaster zwischen die Schulterblätter gepappt wurde - das habe ich bis heute nicht verstanden. Hätte noch gefehlt: ein Rückenklaps und „So, Mädle, ab nach Hause mit dir“, oder „Husch-husch ins Körble“, wenn ich hätte dableiben dürfen. Durfte ich ja, musste ich natürlich auch. Ich habe erst später von meinem Hausarzt gehört, dass das Pflaster erst dann eingesetzt wird, wenn die nötige Dosierung genau feststeht. Solche Pflaster werden beispielsweise statt Schmerzpumpe verwendet, die auch mit dem Körper fest verbunden wird und das Morphium quasi auf Befehl des Patienten in bestimmten Dosen reinpumpt.
Ach ja, das Endspiel kam noch zu Hause. Ich sollte zwar am nächsten Tag nach der Entlassung sowieso zum Hausarzt, aber an dem Abend zu Hause hatte ich so die Nase voll von diesem Dämmerzustand, dass ich das Morphinpflaster von Steffen abreißen ließ (hab's ihm befohlen, kam ja selber nicht dran – wie ein Hund mit Halskrause). Und keiner hat mich vor dem Entzug gewarnt, ich war naiv und dachte nicht, dass die Abhängigkeit so schnell, nach wenigen Tagen schon, entstehen kann. Man hätte das Morphium langsam ausklingen lassen müssen, aber für dieser Information würdig hatte mich niemand gehalten. Ich hatte zwar wahrscheinlich nur einen kleinen Entzug, aber der hatte es auch schon in sich. Ich konnte am Abend und in der Nacht weder sitzen noch liegen, weder stehen noch laufen, und machte doch alles gleichzeitig, ein echter Junkie. Am nächsten Tag war alles vorbei, und ich weiß immer noch nicht, was ein richtiger Entzug wäre, wenn die Dosis stärker oder länger anhaltend gewesen wäre. Ich will es auch gar nicht wissen.

P.S. Inzwischen bin ich gut Freund mit dem Morphium, habe es phasenweise gegessen wie Brot, als ich zweimal besonders schlimme Operationsschmerzen hatte. Entzugserscheinungen bemerke ich gar nicht, wenn ich es schön ausklingen lasse und nicht prompt absetze wie damals. Zum Glück habe ich es seit Monaten nicht mehr gebraucht. Ich werde es irgendwann aber wieder brauchen, und habe keine Angst mehr davor. Muss nur darauf achten, auch genug zu nehmen, und Retard ist in bestimmten Fällen besser, weil ich einmal erlebte, dass selbst Morphium nicht half. Das machte mir Angst, weil ich mich darauf verlassen hatte, dass es im schlimmsten Fall immer noch Morphium gibt. Aber ich hatte es zu absoluten Schmerzspitzen genommen. Das war zu spät, der Schmerz verselbständigte sich schon wieder. Nun weiß ich besser damit umzugehen. Hoffentlich auch an meinem Lebensende.


Presse

Ja, über mich ist tatsächlich schon berichtet worden.

Hier ist der Link zur "Kleinen Zeitung" (26.12.2010), die, wie ich irgendwann erfuhr, eine Art britisches Understatement betreibt und die zweitgrößte Zeitung Österreichs ist - nach der Kronenzeitung, dem österreichischen Pendant zur Bildzeitung.

Äh, da habe ich, wie ich gerade feststellen muss, leider nur einen schlechten Scan. Habe Dieter Hubmann, den Autor, angeschrieben, ob er mir eine pdf-Datei schicken kann. Online ist es leider nicht.


Hier ist der Link zu dem Artikel von Michael Ohnewald in der Stuttgarter Zeitung.


http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2778253_0_9223_-portrait-ueber-allem-ein-vielleicht.html


Interview mit Jörg Engelsing - Berliner Zeitschrift "Sein" 04/11

http://www.sein.de/archiv/2011/april-2011/nichts-mehr-zu-verlieren.html



Artikel von Nadja Otterbach in Bietigheimer Zeitung 13.04.2011

http://www.bietigheimerzeitung.de/bz1/news/stadt_kreis_artikel.php?artikel=5598603


Mittagsmagazin im ZDF, ca.10-minütiges Gespräch mit Susanne Conrad.

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1243130/Irja+Kass%3A+Tot+auf+Probe#/beitrag/video/1243130/Irja-Kass-Tot-auf-Probe


Eine halbstündige Talkshow mit den Schülern der Robert-Blum-Oberschule Berlin
03.04.11 um 15.20 Uhr und
17.04.11 um 15 Uhr im Alex-Berlin im Berliner Kabel und später irgendwann als life-stream auf www.alex-berlin.de/tv
Zu sehen ist dort die Probe (moderiert von Tabitha und Daniel), die angeblich so gut gelang, dass es zu einer "Echt-Aufnahme" gar nicht mehr kam. Na dann - hoffen wir das beste ... Kann mich gar nicht recht erinnern, was ich da in der "Probe" alles erzählte.

Mein aktueller Gesundheitszustand Februar 2011

Vor einer Woche habe ich mich verabschiedet mit der Aussage "Brauche morgen womöglich eine Bluttransfusion". Das kundzutun war ein Fehler und ich habe deshalb Schuldgefühle, zumal ich an der Bluttransfusion doch gerade so vorbeigeschrammt bin. Die Thrombozyten alias rote Blutkörperchen haben sich hochgerappelt bis fast an die Grenze des Minimumwerts, aber immerhin auf das Doppelte des Werts, bei der mein Arzt mir eine Transfusion verordnet hätte. Zwar sind sie am Donnerstag überraschend wieder abgesunken, ich hätte wahrscheinlich wieder täglich, inkl. Wochenende, zur Blutkontrolle gemusst, für alle Fälle gleich mit dem gepackten Krankenhausköfferchen, bin aber stattdessen mit Steffen nach Berlin gefahren. (So kennt man mich - ohne Füße nach Thailand fliegen und ohne Blut, das diesen Namen verdienen würde, nach Berlin fahren.) Was ich dort gemacht habe, erzähle ich vielleicht mal später, muss es erst mal sacken lassen.

Mir ist aber bewusst geworden, dass ich nun ein wenig Verantwortung trage, weil mich immer mehr Menschen beobachten und - Tatsache - wissen wollen, wie es mir geht. Zum Teil besuchen meinen Blog Menschen aus Ländern, in denen ich gar niemanden kenne. Das überrascht mich sehr. Vor nicht allzu langer Zeit dachte ich noch, ich schriebe für einige treue Freunde, für die eine Rundmail zu blöd wäre, und eventuell noch für irgendeinen Nerd aus der periferen Prärie Deutschlands ("perifer" habe ich nur hinzugefügt, weil es phonetisch so schön dazu passt - der Nerd könnte natürlich durchaus auch aus der zentralen Prärie stammen), der neben seiner Computerleidenschaft aus irgendeinem Grund leidenschaftlich gerne Geschichten von todkranken Wildfremden liest.

Allerdings war das letzte, was ich mit diesem Blog wollte, mir damit einen Klotz ans Bein binden, auf irgendeine Art Verantwortung habe ich momentan nämlich überhaupt gar keine Lust, ich wähnte mich frei zu schreiben, wenn ich Lust habe und zu schweigen, wenn ich wiederum dazu Lust habe. Nachdem so viele nachgefragt haben, wie es mir denn nun geht nach der Bluttransfusion, fühle ich mich aber mies. Hatte ja erstens keine, und war zweitens nach jenem Posting tagelang so schwach, dass ich nicht mal meinen Arm heben konnte, wenn ich mal etwas übertreiben darf (allerdings nicht viel), da war nix mit Schreiben. Und danach war ich ja in Berlin.

Genug entschuldigt. Zur "Strafe" versuche ich heute mehrere Postings zu schreiben, habe den ganzen Tag und Abend über immer wieder geschlafen und bin fit wie ein junges Rehlein. Mir geht es also wieder gut. Das heutige Ergebnis der Blutanalyse kenne ich nicht, aber wenn es schlecht gewesen wäre, hätte mein Arzt mich angerufen. Letzte Woche waren von 20 Werten 10 jenseits von Gut und Böse, aber es gab auch schon Zettel mit den Blutergebnissen, auf denen ich nach den Werten, hinter denen nicht ein -, --, + oder ++ stand, also "zu wenig", "viel zu wenig" oder "zu viel" oder "viel zu viel", regelrecht suchen musste.

Vor ein paar Jahren zum Beispiel kam das Ergebnis mal zu spät in der Praxis an. Ich saß zuhause und fühlte mich nicht mal richtig schlecht, überlegte gar, auf eine größere WM-Party von einem Freund zu fahren, verwarf den Gedanken dann aber aus Schlappheitsgründen doch noch. Da bekam ich einen Anruf aus der Praxis, wie es mir ginge, und man war hörbar erleichtert, als ich sagte: "Mir gehts gut". Ich hatte nämlich so gut wie gar keine Leukozyten im Körper, demnach auch so gut wie gar kein Immunsystem mehr, jede schnupfende Nase aus der Gesellschaft hätte mir fatal werden können. Krebskranke bzw. Chemopatienten sind ja ein wenig wie AIDS-Kranke, mit dem Unterschied, dass sie nicht ansteckend sind: Jede Infektion ist zu vermeiden, und eine Erkältung kann leicht zur Lungenentzündung und als Folge dessen zum Tod führen.

So komme ich aber nie zu mehr als einem Posting, und ich wollte ja heute fleißig sein. Die Strafe, mehr zu schreiben, ist aber durchaus nennenswert, weil mein rechter Daumen dermaßen dick und rot vor Entzündung ist (das ist er mit Pausen seit einem halben Jahr immer wieder, das machen die Chemos), so dass es mühsam ist, zu schreiben, jeder Tastenschlag tut weh. Die anderen Finger sind zum Teil auch wund, weil ich immer so fiese Längsrisse in den Nägeln bekomme, meine Fingernägel sehen aus, als würde ich pausenlos an ihnen herumkauen, und die Fingerkuppen sind auch mit kleinen Wunden übersäet, die nach nix aussehen, aber ziemlich wehtun. Alles Chemo, da kann ich ölen und schmieren wie viel ich will.

Also mache ich mich jetzt an die Arbeit und schaue, was ich zustande bringe.

P.S. Ich habe meinen Arzt letztens gefragt, wie viele Metastasen ich eigentlich im Moment in der Leber habe. Es sind neun. Und vermutlich ebenso viele, die man noch nicht im Ultraschall sieht, sondern die nur in der Computertomographie sichtbar wären. Seit ein paar Wochen haben wir allerdings einen Stillstand erreicht, was als großer Erfolg zu verbuchen ist. Die Referenzmetastase ist nämlich immer noch 4 cm groß. Das ist die, die direkt an der Gallenblase sitzt und immer gut erkennbar ist (deshalb Referenz, sie empfiehlt sich sozusagen), weil sie sich gegen das Zwerchfell (oder was ist direkt darüber nochmal?) wölbt. Das ist auch die einzige Metastase, die ich ab und zu spüre. Schmerzen tut sie nicht.

Leider wurde diese Chemo nun erst mal abgesetzt, weil sie zu gefährlich ist (Thrombozyten) und mich auch sonst zu sehr niederstreckt. Ich hoffe aber, sie in ein paar Wochen oder so wieder zu bekommen, sie hat die Tumormarker um über 20% runtergefahren, nach nur ein paar Wochen. So ist es immer bei mir - der Chemoerfolg, falls es einen gibt, zeigt sich schnell, der Niedergang allerdings noch schneller. Wenn es wieder losgeht, d.h. wenn ich gegen irgendeine Chemo schon wieder resistent geworden bin und ein Ersatz nicht wirkt, verdoppeln sich die Tumormarker immer alle 4-5 Wochen.

Aber so komme ich wirklich zu nichts, wenn ich dieses Posting immer länger werden lasse. Ich fange mal ein neues an, der Quantität wegen.

Samstag, 29. Januar 2011

Mein aktueller Gesundheitszustand Januar 2011

Da mir von mehreren Seiten gesagt worden ist, dass ich erstens meinen Blog im Januar vernachlässigt habe und zweitens nie etwas über meinen aktuellen Gesundheitszustand schreibe, möchte ich das jetzt mal auf die Schnelle ändern. Zumindest das Letztere.

Aaalso. Wie das schon immer so in meinem Leben gewesen ist, ist es ein einziges Auf und Ab. Aktuell geht es eher abwärts, aber das kennen wir ja auch schon zu Genüge. Vor zwei Tagen saß ich gemütlich und freudestrahlend bei Frau Conrad (eine ganz, ganz tolle Frau übrigens!) auf dem ZDF-Sofa im Mittagsmagazin, und sah vermutlich nicht besonders todkrank aus. (Naja, war ja auch toll geschminkt.)

Innerhalb meines Körpers sieht es anders aus. Ich weiß zwar nicht genau, wieviele Metastasen ich aktuell habe, im November 2008 hatte ich jedenfalls über 20 Stück, die größte davon 5 cm. Vor ein paar Wochen war die größte ca. 4 cm. Da mein Krebs sehr aggressiv ist, wachsen sie jedes Mal explosionsartig, sobald sie wieder einen Weg gefunden haben, die Chemos zu ignorieren.

Ich möchte nicht mit Arzneimittelnamen um mich schmeißen, aber damals, 2008, kam ein neues Mittel auf den Markt, das leider nur bei einer Minderheit der Patienten wirkt, und dieses Medikament hat mir über zwei Jahre geschenkt. Bzw. was heißt hier eigentlich "leider". Es wäre mir lieber, nicht zu dieser Minderheit zu gehören, die die entsprechenden Rezeptoren besitzen, die man mit diesem Mittel blockieren konnte. Diese HER-2/neu-rezeptoren will niemand haben, ich genauso wenig, weil Dank denen der Krebs eine Zusatzmöglichkeit hat, ordentlich zu wuchern. Bei Patienten, die diese Rezeptoren nicht haben, demnach auch nicht dieses Mittel brauchen, wächst der Krebs viel langsamer.

Wie immer, hat auch diese (Tabletten)Chemo irgendwann versagt, d.h. es bildete sich eine Resistenz - die Krebszellen sind ja nicht doof, die lernen auch dazu - und ich bekomme nun wieder mal ein anderes Mittel, in wöchentlichen Dosen, plus noch eine andere Infusion in dreiwöchentlichen Dosen. Dazu muss ich täglich 12 Tabletten schlucken, drei verschiedene Mittel.

Viele Chemos sind bei mir schon zweimal durchprobiert worden, in der Hoffnung, dass die Krebszellen, wie alle Lernenden, nach einer Weile auch mal was vergessen. Aber Alzheimer haben sie nicht, sie lassen sich im Glücksfall nur kurz irritieren, aber bald sagen sie immer: "Ah, diese Chemo kennen wir eigentlich schon. Los, Jungs, volle Kraft voraus, diesen alten Hut, mit dem sie uns nochmal kriegen wollten, schmeißen wir über Bord". Deshalb gibt es nicht mehr so viel, was man bei mir noch ausprobieren könnte. Wir, mein Arzt und ich, tun es natürlich trotzdem.

Heute Abend rief er mich übrigens an, dass meine Thrombozyten (die roten Blutkörperchen) sehr stark abgefallen sind, deshalb muss ich morgen trotz des Wochenendes zur Blutabnahme, und wenn ihre Anzahl noch weiter gesunken ist, bekomme ich am Sonntag eine Bluttransfusion. Das ist für mich ganz was Neues, meistens waren das Problem eher die Leukozyten (die weißen Blutkörperchen), aber ums Krankenhaus bin ich wegen der Leukozyten noch immer mit Ach und Krach herumgekommen, es kam nur vor, dass die Chemo verschoben werden musste, bis sie sich erholen.

Da ich also morgen früh zum Diakoniekrankenhaus in Stuttgart muss - übrigens ein wirklich tolles Haus, mein Lieblingskrankenhaus sogar, wenn ich so etwas überhaupt sagen kann - dort war ich im Sommer und Herbst zweimal zur Hochfrequenztherapie, bei der durch eine Bauchsonde einige Metastasen mit Hitze "zerkocht" wurden -, schließe ich erst mal mit dieser kurzen Bestandsaufnahme. Ein grobes Bild meines Gesundheitszustandes, was das Körperliche betrifft, dürfte aber somit gegeben worden sein. Ich versuche bald mehr zu erzählen.

P.S. Ich sehe gerade, dass die Uhrzeit in meinem Blog falsch eingestellt ist. Ich bin zu müde bzw. faul, es jetzt zu ändern. Es ist nämlich eigentlich Nacht (falls sich jemand fragt, ob ich üblicherweise schon nachmittags schlafen gehe, wenn ich was von "Morgen früh zum Blut" fasele).

Donnerstag, 20. Januar 2011

Mein haariger Restaurantbesuch

Meinen peinlichsten Restaurantbesuch erlebte ich, als ich meine Haare verlor.

Von der ersten Chemo waren ca. zwei Wochen vergangen, als die Haare nach und nach anfingen, abzufallen. Ganz ernst machten sie aber ausgerechnet in einem italienischen Restaurant. Ich ging nach der Blutabgabe alleine hin, weil ich nicht gefrühstückt und deshalb einen Bärenhunger hatte.

Plötzlich hingen immer mehr und mehr Haare in meinem Vitello Tonnato (das ist eine meiner Lieblingsspeisen), ich konnte sie kaum noch schnell genug wegräumen, der Appetit ließ dadurch auch schnell nach. Also fuhr ich mit der Hand immer wieder durch meine langen Haare und hielt jedes Mal einen ordentlichen Büschel in der Hand. Zunächst waren es noch nicht ganz so viele, so dass ich sie leicht schockiert, jedoch frech einfach unter den Tisch warf. In meine Handtasche wollte ich sie nicht reintun und die Serviette war mit dem Teller schon abgeräumt. Taschentücher, in die ich sie hätte einwickeln können, hatte ich nicht dabei. Es wurden aber immer mehr und mehr Haare, ich kam mir vor wie in einem Traum, in dem ich mal alle meine Zähne verlor. So viele wie aus meinem Mund herausfielen, musste ich im Traum mindestens hundert Zähne haben. Nun, in der Realität, sah es zum Schluss auf dem Boden aus wie in einem Frisiersalon. Was für ein Glück, dass für den nächsten Tag eh ein Friseurbesuch anberaumt war (nein, nicht um mir eine Dauerwelle verpassen zu lassen, sondern um mir die Haare abrasieren zu lassen und eine Perücke zu kaufen. Der Friseur hatte nach dem Zwischenfall dabei weniger zu tun als vermutet). Ich versuchte die Haare möglichst kompakt um ein Tischbein herum zusammenzuschieben und verließ das Lokal nach der Rechnung fast fluchtartig.

Es war ein echt nettes Lokal und auch noch ganz in der Nähe meiner Arztpraxis, aber solche spontanen Mittagessen bei diesem Italiener habe ich fortan schweren Herzens abgeschrieben. Vermutlich würden sie mich jederzeit wiedererkennen, die Schande, eine solche Sauerei hinterlassen zu haben, möchte ich nicht vis-á-vis auf mich nehmen. Vielleicht hätte ich die Haare doch in meine Tasche tun und die drei Stunden mit dem späteren Zusammenpulen aus der Tasche auf mich nehmen sollen. Ach, alles zu spät, alles zu spät, was soll diese nachträgliche Grüblerei. Aber vergessen habe ich das Ganze offenbar immer noch nicht.

Montag, 27. Dezember 2010

Meine letzte Beerdigung

Meine letzte Beerdigung war im Jahr 2008. Es war eine Mitpatientin, eine gute Bekannte, mittlerweile fast Freundin.

Auf dem Weg zur Kirche kam ich an einem Holzkreuz vorbei, das provisorisch an einer Mauer lehnte, bereit, woandershin gebracht zu werden. Wie bestellt und nicht abgeholt. Dort stand ihr voller Name, darunter das Geburtsdatum sowie das Todesdatum, das erst einige Tage zurücklag. Sie war 49 Jahre alt geworden. Selbstverständlich sah ich dort sofort meinen Namen. (Und selbstverständlich hoffte ich, auch 49 zu werden. Diese ewigen, unvermeidlichen Rechenaufgaben - wer hat wie lange gelebt, und wer hat wieviel Jahre mehr gelebt als ich. Furchtbar. Dabei hätte ich ihr auch 89 gegönnt.)

Als ich bei der Kirche ankam und reingehen wollte, wurde vor meiner Nase die Kirchentür zugeschlagen, auch wenn ich schon fast meinen Fuß in der Tür hatte. Mit einer verscheuchenden, herrischen Handbewegung, die ich nur aus historischen Filmen kenne.

Ich war... hm, sauer und beleidigt, auch wenn ich kein Recht dazu hatte. Diesmal war ich allerdings wirklich nicht Herrin der Gründe gewesen, 1,5 Sekunden zu spät eingetroffen zu sein. Die Zeremonie hatte ja eh Verspätung gehabt.

Ich schaute mir den verschneiten Friedhof an, sah auch die Stelle, wo sie gebettet werden sollte, weil es ein frischer schwarzer freier Schlund war. Und wurde immer saurer. Ich dachte: Ihr Leute da drin, ihr wisst gar nicht, dass ich vielleicht die nächste sein werde. Warum lasst ihr mich nicht rein?

Penetranterweise versuchte ich immer wieder, die schwere Tür aufzuschieben, aber sobald ich meine Nase reinhielt, wurde sie von innen gegen mich gedrückt und dann festgehalten. Die Kirche war einfach voll, und der Typ in der Lederjacke, der die Tür zuhielt (der Türsteher sozusagen), hatte wohl keinen Bock darauf, dass ich meinen Hals immer wieder über seine Schulter recken würde, um auch was mitzubekommen. Womöglich würde ich ihm noch in den Kragen rotzen vor lauter Rührung. Nein, so jemand muss draußen bleiben.

Ich hielt mein Ohr immer wieder an die Tür, hörte aber nur die ab und zu einsetzenden Musikstücke. Unter anderem Louis Armstrong mit seiner fürs Singen eigentlich ungeeigneter Stimme: "What a wunderful world". Das hätte ich auch fast genommen, als ich - früher - noch mein Begräbnis plante, weil ich dachte, das Lied wäre originell. Also nicht.

Es muss eine sehr bewegende Feier gewesen sein, denn die herausströmenden Menschen hatten fast ausnahmslos rote Nasen und Augen. Ich wartete, bis alle draußen waren, dann ging ich zum Sarg und legte meine weiße Rose, deren Grünzeug sogar mit der Floristin besprochen worden war - "Das wird zu Beerdigungen immer gern genommen" (was mich fast wieder davon abgebracht hätte) -, auf den Sarg. Und heulte los. Peinlicherweise nicht nur ihretwegen, sondern auch weil ich ausgesperrt worden war. Ich sagte ihr: Wenn du wüsstest, wie die mit mir umgegangen sind - du würdest dich im Grab umdrehen. Dabei war sie noch gar nicht im Grab.

In einer Ecke stand noch der Trauerredner herum. Aus Verlegenheit, bei meiner Heulattacke ertappt worden zu sein, sagte ich ihm, dass ich die Feier und seine Rede sehr bewegend fand. Der Trauerredner sagte, dass er sie nicht persönlich kannte, sich aber was zurechtgebastelt hätte, aufgrund der Informationen, die der Ehemann gegeben hätte. Das sei beim "Publikum" wohl tatsächlich ganz gut angekommen. Ich fragte ihn nach einer Visitenkarte, schrieb mir sogar noch die Websiteadresse auf, die er erst kürzlich eingerichtet hat, und versprach ihm, gegebenenfalls auf ihn zurückzukommen.

Danach druckste ich mich noch ein bisschen auf dem Vorhof der Kirche herum. Ich hörte aus den Gesprächsfetzen heraus: Sie wird gar nicht begraben, sondern eingeäschert, das Grab war also für jemand anders bestimmt. Das wusste ich gar nicht, über ihre Beerdigung hatten wir nie gesprochen. Als ich das Grüppchen entdeckte, dem ich eigentlich die Hand schütteln und mein Beileid aussprechen wollte, fiel mir auf, dass ich die einzige Person in der schwarzen Gesamtmasse war, die einen weißen Mantel trug. Also machte ich mich klammheimlich und endgültig aus dem Staub.

Fazit: Beerdigungen sind nichts für mich. Und ich nichts für Beerdigungen.