Mittwoch, 8. Februar 2012

„Klirrende Kälte“ auf allen Kanälen oder: Geben ist seliger als Nehmen, will aber durchdacht sein, was ziemlich anstrengend sein kann - für beide Parteien



Von +30 auf -20 Grad, und ich rede nicht von Fahrenheit, sondern Celsius – da hat man erst mal einiges zum Akklimatisieren. Dass den TV-Moderatoren zu dieser Kälte kein anderes Adjektiv einzufallen scheint als „klirrend“, enttäuscht mich ein wenig, ansonsten finde ich diese „klirrende Kälte“, die „Deutschland fest im Griff hat“, sogar schön, weil sie mit Sonnenschein einhergeht. Wenn nur nicht diese Hunderte von Toten wären in Europa… Ich möchte gerne glauben, dass „die Solidarität in der Bevölkerung mit den Obdachlosen stärker geworden ist“, kann es aber nachvollziehen, dass manche der Obdachlosen die Hilfe ablehnen und nichts von einem Kältebus oder ähnlichem wissen wollen. Es gibt Menschen, die wollen partout keine Veränderung, weil jede Veränderung eine Störung des Tagesablaufs darstellt und Störungen sind nervig (so meine primitive, aber, wie ich finde, einleuchtende Erklärung). Ich habe einmal auf einer Estlandreise einen Obdachlosen, der bei Eisestemperaturen einen - zugegebenermaßen phantasievollen - Mantel aus Plastiktüten trug (ich glaube, die Tüten waren sogar aneinander genäht), gefragt, ob er sich etwas Warmes zum Anziehen kaufen würde, wenn ich ihm das Geld dafür geben würde, oder ob er bereit wäre, mich morgen zu treffen, wenn er selbst nicht zum Einkaufen käme (Subtext: Wenn er in keinen Laden reinkäme), dann würde ich einen warmen Mantel oder eine Jacke organisieren. Er hat mich wüst beschimpft und ist im Laufschritt von Dannen gezogen. Es ist zu kurzgegriffen, es damit abzutun, dass er einfach nicht ganz dicht war. Natürlich war er es nicht, und trotzdem ist es zu kurzgegriffen.

Ich bin allerdings manchmal auch ein nerviger Almosengeber – es kann sein, dass ich den Menschen frage, warum er in dieser Situation ist, und gebe besonders gerne, wenn man es nicht erwartet beziehungsweise wenn man gerade gar nicht explizit bettelt. Wer mich allerdings gar am Ärmel packt oder mir sein rumänisches Leihbaby oder seinen fehlenden Fuß unter die Nase hält, geht leer aus. In unmotiviert herumliegende Hüte werfe ich ebenfalls ungern was rein, weil das so beiläufig und unpersönlich ist und ich auf einen ordentlichen Dank erpicht bin, auch wenn ich es nicht zugebe. (Dabei ist es kein Geheimnis, dass Geben deshalb seliger als Nehmen ist, weil man sich dann so toll und gütig vorkommt.) Eine kurz erhobene Augenbraue reicht mir eben nicht, deshalb gebe ich selten, aber ordentlich. Allerdings habe ich auch einen Traum: Wäre ich reich, also ziemlich reich, würde ich ab und zu sehr armen Menschen, von denen ich irgendwo höre, einen ordentlichen Geldumschlag einfach in den Briefkasten schmeißen, ohne Absender. (Allerdings würde ich vermutlich selbst dann nicht ohne einen kurzen Satz wie „Viel Freude damit“ auskommen. Diese Geschwätzigkeit…) Irgendeiner Organisation eine astronomische Summe völlig anonym zu spenden – so weit reicht meine Phantasie nicht. Oder reicht meine Phantasie nicht aus, mir vorzustellen, wie es wäre, so reich zu sein, dass ich in der Lage wäre, irgendeiner Organisation eine astronomische Summe zu spenden, anonym oder nicht. Aber ich glaube, dass es gar nicht so angenehm ist, als Organisation eine große Summe von einem anonymen Spender zu bekommen, vielleicht käme man sich in Zukunft beobachtet und kontrolliert vor, von jemandem, den man nicht kennt. Ach, was weiß ich. Ich spiele in ganz anderer Liga und belästige stattdessen unschuldige Bettler, die nur in Ruhe ihre Almosen sammeln wollen. Oder ich belästige mit meinen wenigen Kröten Menschen, die gar nicht betteln.

Schon wieder in Estland habe ich eine alte, ordentlich angezogene Frau nach leeren Flaschen suchen sehen und ihr alle meine verbliebenen estnischen Kronen gegeben, weil ich eh auf die Fähre nach Finnland gehen wollte. Sie bedankte sich mehrfach, sagte aber, dass es ja so peinlich sei und dass es ja ein ekelhafter Anblick sein muss, wie sie da in den Mülleimern wühlt und überhaupt, sie hätte gehofft, dass sie niemand sieht, denn es sei ihr einfach so unglaublich peinlich, dass sie mittlerweile so tief gesunken ist, aber vielen Dank nochmal, das ist ja so nett, aber sie schämt sich jetzt so und... Meine Beteuerungen, dass es ihr zumindest vor mir nicht peinlich sein muss, und wenn es einem peinlich sein soll, dann dem estnischen Staat, und dass ich gar nicht in Estland wohne und sie nie wieder sehen werde, fruchteten nicht. Keine Ahnung, was ich bei ihr ausgelöst habe, aber ich hatte das Gefühl, dass die Freude über das Geld die Pein des Augenblicks überwog. Sonst hätte ich mich wirklich schlecht gefühlt. Verschwitzt und rot im Gesicht waren wir trotzdem beide, als wir uns genauso umständlich, wie wir uns über die Peinlichkeit und Nicht-Peinlichkeit ausgetauscht hatten, verabschiedeten.

Wenn man jung genug ist, zu glauben, man hätte hie und da einen pädagogischen Auftrag zu erfüllen, kann man es aber auch anders anstellen. Einmal habe ich einen Punker beim Penny sitzen und Bier trinkend betteln sehen, typischer Fall von „Haste mal ‚ne Mark“. Da ich damals weder ein Auto noch einen Fahrstuhl hatte, mich beim Einkaufen aber ordentlich übernommen hatte, sagte ich ihm: „Ich gebe dir zwei, wenn du mir hilfst, die Tüten nach Hause in den fünften Stock zu tragen“. Damit, dachte ich, wäre doch uns beiden prima geholfen. Ein etwas stupider Auftrag, gewiss, aber, liebe Kinder, zwei Mark waren damals richtig Geld, dafür gab es bei Penny fast vier Dosen Bier. Das Gesicht nach dem Satzteil „Ich gebe dir zwei“ veränderte sich allerdings so plötzlich, dass mir Zweifel kamen, ob ich aus Versehen nicht gesagt hätte „…wenn du mir hilfst, dir deinen Irokesenschnitt abzurasieren“. Immerhin bequemte er sich von seinem Platz und trottete, nachdem er sein Bier ausgetrunken hatte („Musst warten, wenn ich beide Tüten tragen soll, brauch sonst unterwegs ‚ne Hand frei“), neben mir her bis zu meinem Haus. Als er mir weismachen wollte, die zwei Mark hätten wir nur bis zur Haustür vereinbart, bis nach oben verlange er nochmal zwei Mark, habe ich ihm freundlich erklärt, dass ich mich in dem Fall ganz herzlich für die Hilfe bedanke und ihm weiterhin einen schönen Tag bei Penny wünsche. Da erinnerte er sich dann doch an den Deal. Aber irgendwelche Deals mit Bettlern, und seien sie noch so jung und kräftig, gehe ich seitdem nicht mehr ein. Eine Gegenleistung zu erwarten, die über ein „Danke, Alter“ hinausgeht, ist nicht angebracht und kann auf den Empfänger lästig bis beleidigend wirken. Das will man ja nicht. Was man will, ist: sich toll und gütig vorkommen.

Ich habe noch zahlreiche andere Erfahrungen mit Bettlern und Obdachlosen gesammelt, aber mittlerweile versuche ich mich nicht mehr allzu sehr in anderer Leute Karma einzumischen. In hinduistischen Ländern habe ich oft gesehen, wie Frauen und Männer aufdringliche Bettler, auch Kinder, rüde abweisen, bis hin zur Ohrfeige, und ließ mir erklären: Sie stören das Karma, das ist Tabu und sie wissen es genau.  Nicht, dass ich das Kastensystem unterstützen oder es gar gutheißen würde, bettelnde Kinder zu ohrfeigen, zumal man es sich einfacher kaum machen kann, um Nichtgeben zu rechtfertigen, aber es gab mir was zum Nachdenken.  Wenn man es von der anderen Seite betrachtet, weiß man auch nie genau, was man mit seinen Almosen auslöst, insbesondere wenn sie für jene Verhältnisse nennenswert sind. In der schlimmsten Ereigniskette führt das zu Mord und Todschlag, wovon der Spender vermutlich gar nichts mitbekommt. Mord und Todschlag will man nun wirklich nicht heraufbeschwören, aber es braucht nicht viel, um gewissen Schaden anzurichten. 

Einmal, kurz vor der Abreise aus Indien, wollte ich meine restlichen Rupien einem netten armen Menschen zu schenken, alle auf einmal. Es war gar nicht so einfach, den Richtigen zu finden, es musste zudem möglichst unauffällig vonstatten gehen, und in Indien ist es schwer, als Europäer unbeobachtet zu sein. Ich wollte ja auch nicht, dass der Empfänger verprügelt und ihm das Geld wieder abgenommen würde – so viel hatte ich dann doch zu verschenken. Ich streifte lange durch die Gegend und taxierte die Menschen, als führte ich nichts Gutes im Schilde.  Mangels geeigneter Kandidaten, unkomplizierter Übergabeverhältnisse oder wegen sonstiger unbequemer Umstände wollte ich für das Geld fast schon irgendeinen Unsinn zusammenkaufen. Bis ich von weitem einen kleinen Jungen erblickte, kaum älter als fünf oder sechs Jahre, der zwei riesige Säcke voll Plastikabfall mitschleppte. Die Säcke waren zwar leicht, aber er selbst hätte dreimal in einen davon reingepasst, so groß waren sie. Endlich hatte ich den Adressaten meiner Wohltat gefunden: Klein und arm, aber so unglaublich fleißig, mit etwas Phantasie der Ernährer seiner kranken Eltern, des seit Jahren bettlägerigen Großvaters und der beiden jüngeren Schwestern, die diese drei Tag und Nacht pflegen müssen und deshalb nicht arbeiten können. Ich phantasierte noch weitere zu ernährende Verwandtschaft dazu, während der Junge sich näherte, und als der richtige Moment zur Geldübergabe gekommen wäre… ließ ich ihn vorbeiziehen. Sein Hemd war schmutzig, sein Gesicht noch schmutziger, aber diese Augen, die so vor Stolz strahlten, die schmächtigen Schultern und der hochgereckte Hals, der ausdrückte: „Ich trage eine Last, aber eine süße Last. Habe den ganzen Tag gearbeitet, jeden Stein umgedreht, um was zu finden, jetzt gehe ich nach Hause und zeige das Ergebnis vor. Die werden vielleicht Augen machen – eine so reiche Beute habe ich seit Monaten nicht gemacht. Ach, bin ich stolz und zufrieden. Müde, aber zufrieden. Vishnu, wie ist das Leben schön!“

Ich glaube, ich habe ihm mehr gegeben beziehungsweise ihm mehr gelassen, indem ich ihm nichts gegeben habe. Er schien zumindest für diesen Tag alles zu haben, was er wollte und brauchte. Und durch mich wäre es wertlos geworden. Morgen wäre ich weg gewesen, aber seine Plastikbeute hätte nicht mehr im Gras oder in der Mülltonne geglänzt, sondern hätte geflüstert: „Ja, nimm mich ruhig mit. Du musst aber noch Hunderte, Tausende wie mich einsammeln, bis du so viel Geld zusammen hast wie du gestern in ein paar Sekunden einfach so bekommen hast.“ Und der Junge wäre vielleicht nie mehr nach getaner Arbeit so beschwingt nach Hause gelaufen. Ich hätte ihm seine Glücksmomente vielleicht für immer gestohlen.

Karma hin oder her, aber ich lasse Bettler und Obdachlose heutzutage nach Möglichkeit in Ruhe. Klappt allerdings nicht immer. Und wenn ich auf Reisen ein wenig übers Ohr gehauen werde – was nicht oft passiert, weil ich mittlerweile recht abgebrüht bin -, sage ich: „Entwicklungshilfe“ oder „Die haben wenigstens einen Geschäftsplan“. Und wenn es doch mit mir durchgeht und ich meine, einen besonders sympathischen armen Menschen getroffen zu haben, dann… ja, dann muss er halt gegebenenfalls dran glauben. Geben ist einfach zu selig, um es immer zu lassen, und zumindest in Deutschland kann ich mit meinem Bisschen Geld niemandem schaden, dafür bin ich viel zu arm.

Donnerstag, 5. Januar 2012

Aufblühen wie eine Hibiskusblüte

Ich kriege gerade noch die Kurve, um allen Lesern  wenigstens ein gutes Neues Jahr zu wünschen, bevor auch dies obsolet wird. Mit guten Weihnachtswünschen wurde es ja nichts, nachdem ich ziemlich viele Tage, inkl. Heiligabend, flachlag. Die zweite Welle kommt nämlich immer, aber der Mensch ist halt ein vergessliches und optimistisches Wesen und denkt, es liefe beim fünften Mal auch mal anders. So kurz war mein Krankenhausaufenthalt noch nie: Donnerstag auf dem OP-Tisch (die fünfte Radiofrequenzablation, kurz: RFA), Samstag schon bei guter Gesundheit heimgeschickt. Nicht zu Unrecht oder gar ungern. Mir ging es so gut, dass ich zu Hause auf dem Tisch tanzte (ok, das ist übertrieben, aber ich habe voller Energie sofort meine Krankenhaustasche ausgepackt und habe stundenlang sonst wie herumgewurstelt und -sortiert, keine Ahnung, was – Energieüberschuss eben). Aber die zweite Welle kommt. Immer. Schon ein-zwei Tage später lag ich im Krankenlager wie sonst auch immer. Und irgendwann verpasse ich mir vor lauter Verzweiflung über die Schmerzen eine Überdosis Morphin. Mittlerweile kann ich mich tatsächlich eindeutig zu denen zählen, deren Schmerzen schwer in Griff zu kriegen sind. Bei der Visite staunen die Ärzte manchmal ganz schön über meine Tagesdosis, bei der ich immer noch völlig klar im Kopf bin. Bei dem Eingriff schickte der operierende Arzt nach einer zweiten Betäubungsdosis, denn „Sie braucht immer besonders viel“. Nach der ersten habe ich noch die Nadelpositionierung genau gespürt. Wirklich nicht angenehm. Genauso mit Morphin, ich brauche viel davon, dabei kriege dieses verdammte Mittel oftmals selten wirklich unter Kontrolle, zumal es mit den retardierenden Mitteln halt so ‚ne Sache ist, die wirken ja mit Verspätung. Selbst Sevredol, d.h. schneller wirkendes Morphin, hält sich nicht an seine eigene Beschreibung und wirkt bei mir keineswegs schnell. Ich würde mir gern selber Spritzen setzen, weil sie sofort wirken und ich damit die Schmerzbekämpfung hinauszögern kann, bis es wirklich nötig ist. Aber das scheint irgendwie eine kleine Schwellenüberschreitung zu sein zu… keine Ahnung, was. Angeblich ist da die Suchtgefahr größer, was ich weder logisch finde noch sonst ernst nehmen kann – in meiner Situation. Da ich diesmal fast nahtlos aus einem Eingriff in die nächste stolperte, bin ich aktuell sowieso zu lange drauf, aber nun bei 5 mg angekommen, was bei mir so gut wie Luft heißt. Aber richtig auf die Beine bin ich nicht gekommen. Der Organismus mag es halt nicht,  wenn er zwei Eingriffe innerhalb von wenigen Wochen hat, zwischen denen normalerweise mindestens drei Monate liegen sollten. Dass diese Eile von einer Mittelknappheit zeugt, was meine weitere Krebsbekämpfung betrifft, steht nicht auf einem anderen, sondern auf genau diesem Blatt. Wir haben halt nix mehr groß, um den Krebs aufzuhalten. Das bedeutet, dass er weiterzuwachsen begann, sobald der Operateur sein Messer beiseite legte. Oder was das genau ist, mit dem er arbeitet. Ein Verbrennungsapparat sozusagen.

Zwischen den beiden Eingriffen war ich ja in Finnland bei meiner Schwester. Mit ihr und ihrer jüngeren Tochter Liisa war ich auch noch drei Tage „drüben“ in Tallinn, meiner Heimat. Sie war zu der Erstvorführungsparty einer zehnteiligen Fernsehserie  eingeladen, die auf ihrem letzten Kinderbuch basiert. Sonst kaufen die estnischen Fernsehstationen ja auch alles ein, eine so gewaltige Eigenproduktion ist schon eine große Sache in Estland, das gab es seit vielen Jahren nicht mehr. Deshalb war das Timing perfekt, denn zusammen in Tallinn sind wir nicht immer.

Ich hatte also auch eine schöne Zeit dazwischen. Merkwürdigerweise ist mir besonders in Erinnerung geblieben, wie ich im Flugzeug nach Hause saß. Um mich herum nur Gesichter, die Überdruss, Langeweile oder Angespanntheit ausdrückten. Nur die Angetrunkenen waren fröhlich - und ich, trotz Abschiedsschmerz und so weiter. Es war so schön, sich gut zu fühlen. Oder genauer: einfach normal. Oberflächlich gesund. Und wenn ich an einem Tag keinerlei Beschwerden habe, bin ich ja an diesem Tag theoretisch gesund. (Eine Aussage, die ich für mich selbst immer wieder gerne wiederhole.) Ich befand mich mit meinem Körper in so friedlicher, harmonischer Ko-Existenz, dass ich ihm – völlig dekadent - im Flugzeug-Bauchladen sogar eine Creme kaufte, die ich nicht brauchte, die mich aber anlächelte und nach dem Öffnen viel, viel besser roch als vermutet. Da ich keinen Nebensitzer hatte, schmierte ich mich damit sogar kurzerhand ein und freute mich zusammen mit meinem immer noch viel zu dünnen Körperchen. Ein schöner Verwöhnmoment in einer ungewöhnlichen Umgebung, der jedes Mal wieder hochkommt, wenn ich mir nach dem Eincremen meinen Unterarm unter die Nase halte. Wie einfach, sich eine Freude zu machen.

Ach ja, Silvester war ja auch noch kürzlich, wir hatten mehrere Tage liebe Freunde zu Besuch, die in der Nähe von Barcelona wohnen, haben mit noch anderen lieben Freunden zum ersten Mal in unserer Wohnung gefeiert und auch wenn ich sehr schlapp war, habe ich voller Begeisterung bei dem Filme-Erraten mitgemacht (mithilfe von Pantomime, wozu ich mich in früheren, gesunden Zeiten ungern herabgelassen hätte. Früher wäre ich allerdings auch nie um Zwei ins Bett gegangen, während die anderen bis Fünf feiern. Zwar habe ich tatsächlich einiges verpasst, aber es schmerzte nicht so sehr wie es früher geschmerzt hätte. Da scheint eine Entwicklung im Gange zu sein.) Es gab also durchaus schöne Tage, für die man dankbar sein kann.

Abgesehen davon müsste ich mich auch jetzt freuen, weil Steffen und ich morgen nach Indonesien fliegen (okay, Bali, Lombok und so). Ganz spontan gebucht, nachdem die billigen Costa-Rica-Tickets wegwaren. So spontan, dass wir die Regenzeit nicht beachteten. Angeblich ist es dort nicht ganz so heftig wie mancherorts in Asien, aber angeblich hat Wulff auch die Berichterstattung in der „Bild“-Zeitung nur verzögern und nicht verhindern wollen (dies dient zur Demonstration meiner Tagesaktualität, die sich meistens sehr missen lässt. Leider habe oder hatte ich gegen Wulff nicht besonders viel, während ich mich an der Guttenberg-Debatte richtig ergötzen und meine niederen Instinkte rauslassen konnte (aber seine Reaktion war ja auch unerträglich, bei Wulff ist sie wenigstens nur normal peinlich). Interessant ist für mich in der Wulff-Sache vor allem, dass jemand, der sich als der ruhigste Mensch Deutschlands gibt, so in Panik geraten kann, dass er einem der gefährlichsten Menschen Deutschlands sein so oder so nicht ganz koscheres Anliegen einfach aufs Band spricht. Das ist doch keine Überschätzung der eigenen Macht, so handelt m.E. ein Panikeur. Ich schaue gerne hinter die menschlichen Kulissen, nur leider sind diese oft eh so fadenscheinig und dahinter ist genau das, was man erwartet: ein Mensch. Wie mit den Gastarbeitern: „Wir riefen nach Arbeitskräften, aber es kamen Menschen“ – „Wulff hat sich zum Bundespräsidenten gemausert, aber in Bellevue eingezogen ist ein Mensch“). So, dieser Abstecher von Bali zu Wulff sucht in der Verbindungsferne Seinesgleichen. Jedenfalls müsste ich für Bali packen („aber ich bin ein Mensch“), nur habe ich keinerlei Energie und Kraft, alles geht im Schneckentempo und jedes Aufstehen kostet unendlich Mühe. Wenn ich Steffen sehe, der sich federleicht aus dem Sessel schwingt, wenn ihm was einfällt, was er noch mitnehmen muss, werde ich neidisch. Hätte ich bloß ein Quäntchen seiner Energie! Ich habe allerdings fest vor, auf Bali aufzublühen wie eine junge Hibiskusblüte in der Regenzeit.

Das  Problem mit der Spontaneität: Man hat keine Zeit für Vorfreude. Man kann sich auch nicht sagen: „Gerade ist alles so blöd, aber in drei Wochen bin ich auf Bali!“ Ich bin geistig null vorbereitet und kann mir nicht vorstellen, dass mich ein stählerner Vogel in seinem Bauch morgen fast auf die andere Seite der Welt tragen wird. Dass es Flugzeuge gibt, versetzt mich manchmal immer noch ins Staunen, auch wenn ich finde, dass der Mensch fürs Fliegen eigentlich nicht gemacht ist. Was meine Dankbarkeit für diese Erfindung nicht schmälert. Müsste ich mit einer Postkutsche nach Bali, müsste ich schon seit Monaten unterwegs sein und würde meine Chemotermine verpassen. Jetzt verpasse ich zwar auch einen, aber das gehört zur Spontanität. Ich lebe zwar durch, aber nicht für die Chemo. Hab ja meine Tabletten auch noch, die vermutlich mittlerweile genauso wenig bringen. 

Ich weiß nicht genau, warum ich beim Packen immer wieder weinen muss (ich quäle mich beim Schreiben ab und zu vom Sofa und gehe was Wichtiges holen, was in die Tasche muss). Es ist nicht gesagt, dass es meine letzte Reise bleiben wird. Auch unseren Hund haben wir vor solchen Reisen schon oft genug zu Steffens Eltern oder zu seiner Tante gegeben, die sie alle sehr lieben und umgekehrt, daran kann es also auch nicht wirklich liegen. Undeutbare Emotionen, jedenfalls nicht ausschließlich Dankbarkeit, noch eine Reise erleben zu dürfen, was allerdings auch schon Grund genug zum Weinen gäbe. Vielleicht ist einfach alles gerade zu viel oder zu schnell oder habe ich einfach Angst vor den langen Flügen, bei denen es wegen meiner Kraftlosigkeit und Langsamkeit auch nicht zur Hetze kommen darf. Oder liegt es daran, dass Steffen zwei Tage nach unserer Wiederkehr in Frankfurt seinen neuen Job antritt, 200 km von hier. Allerdings sind es noch Wochen bis dahin – eine lange Zeit. Um das alles zu erläutern, braucht es einen eigenen Beitrag, zu dem ich heute aber nicht mehr komme.

Und wieder eine kleine Heuleinlage, toll. Ich muss wohl öfter mein aktuelles Mantra wiederholen: „Auf Bali blühe ich auf wie eine Hibiskusblüte“.

Mittwoch, 7. Dezember 2011

Wieder "draußen"

Steffen ist im Kino – „Halt auf freier Strecke“, über einen todgeweihten Mann mit Hirntumor. Muss sehr gut sein, laut Spiegel-Rezension „für Menschen, die es wissen wollen“, also wäre ich normalerweise prädestiniert. Ich habe mich aber kurzfristig dagegen entschieden. Bin momentan einfach kein „Mensch, der es wissen will“. Zu nah ist mir nach meinem diesmaligen Krankenhausaufenthalt dieses allseitige - reale - Gestrampele der Leiber (mein eigener inbegriffen) gegen Tod, Krankheit, gegen Zeit und Vergänglichkeit. Später vielleicht, falls es ein Später gibt; gerade stimmt das Timing einfach nicht. Aber stark von Steffen.

Ich kann mich nicht erinnern, nach einem Krankenhausaufenthalt ein solches Schlafbedürfnis gehabt zu haben: 15 Stunden am Stück in der ersten Nacht, in den zwei darauffolgenden je 12 Stunden. Ein dermaßen merkwürdiger, lehrreicher, aber auch strapaziöser Krankenhausaufenthalt war das. Das lag nicht an schlechter Betreuung, sondern an meinen diesmaligen Zimmergenossinnen. Ein Krankenhausaufenthalt kann manchmal auch recht amüsant sein, zum Beispiel erinnere ich mich gern an eine Frau vom letzten Jahr, die sich wie folgt vorstellte: „Bettina, Entgiftung“. Ich dachte, sie sei Dialysepatientin, also fragte ich: „Nieren?“ Sie antwortete trocken: „Alkohol“. Diese Alkoholikerin entpuppte sich als eine interessante, gebildete und belesene Gesprächspartnerin und ich hoffe inständig, dass sie heute trocken ist. Und ein paar andere Zimmergenossinnen in meiner Laufbahn waren alles andere als unangenehm, auch wenn der Kontakt sich nie lange aufrecht hielt.

Aber noch nie habe ich solche Menschen als Zimmergenossinnen gehabt, noch nie wurde ich wochenlang vom dortigen Gesellschaftsleben, wenn man das so nennen mag, dermaßen aggressiv aufgesogen: zwei Irre beziehungsweise eine ziemlich bösartige und hochgradig manipulative Irre, die die Grenze von Magersucht und Bulimie (28,7 kg bei 1,70 m) über Borderline hinweg bis hin zur Schizophrenie längst überschritten hatte und einem damit ganz schön Angst einflößte. (Am Ende kamen allerdings drei starke Männer und brachten sie in die geschlossene Abteilung.) Und eine herrische, verbitterte Simulantin, die elf Tage allein zuhause verbringen musste - „Und keiner kümmerte sich um mich“ -, so dass sie mit Notarzt eingeliefert werden musste, weil sie jetzt Burnout hat. Sie hatte zwei Stimmen: eine knarzige und eine nasale, anklagende. Keine Ahnung, warum sie die zweite, die noch viel unangenehmer und schwerer zu ertragen war, einsetzte, wenn sie Mitleid erregen wollte oder sonst etwas bezweckte. Ich hätte die erste genommen.

Alle beide buhlten letztlich einzig und allein um Aufmerksamkeit. Leider taten sie dies mit so abstoßenden Mitteln, dass mein Mitleid und der Wunsch, verständnisvoll zu sein, schnell Wut und Ekel wich. Ich glaube, ich bin dadurch etwas asozialer geworden, vielleicht ist es sogar gut für mich. Jedenfalls werde ich nie mehr fünf Stunden lang leise vor mich hin weinen, bis ich eine Schmerzspritze kriege (eher laufe ich Amok), während eine eingebildete Kranke alle fünf Minuten auf Gutsherrinnenart meldet: „Mein Rücken ist ganz kalt“, „Wie geht diese Lampe da im Flur an?“, „Wieso kriege ich den Fernseher nicht an?“ und die drei Schwestern und eine Ärztin herbeiruft, um endlich bestätigt zu bekommen, ihre Füße seien ganz blau. (Mit dem Ergebnis, dass die Schwestern vor lauter Nichtsehen und Ratlosigkeit ihr ein warmes Fußbad einlassen und ihr die Füße salben wie bei Jesus. So geschickt muss man sein.) Und die sich füttern und aufs Klo bringen lässt, obwohl sie eigentlich sogar laufen kann, wenn das niemand sieht. Und die zwei Drittel der Nacht schnarcht wie ein Straßenbohrer, aber jeden, der tagsüber telefoniert, brüsk anweist, leiser zu sein. So, ruhig Blut, ich darf mich nicht reinsteigern, es gäbe einfach noch zu viel desselben zu schreiben und das mache ich jetzt nicht. Außerdem war die Bulimikerin viel interessanter und gefährlicher und fraß viel mehr Nerven als diese verbitterte alte einsame Frau. Immerhin tut die Bulimikerin mir mit etwas Abstand wieder leid. Es ist ja auch echt verzwickt, wenn man eigentlich nicht zunehmen will, weil man sich mit 29 kg schöner findet, zumal man wegen vorangegangener Straftaten ins Gefängnis muss, sobald man das Gewicht einigermaßen beisammen hat. Verständlich, dass man da in Panik gerät, wenn man entdeckt, dass man nicht genug gekotzt hat und trotz aller Vorsicht doch 200 Gramm zugenommen hat. Vergessen auch, dass sie, nachdem ihre Kontaktaufnahmen nicht mehr fruchteten, weil ihr permanenter Redeschwall einzig auf irgendeinen neuen schwer durchschaubaren Manipulationsversuch hinauslief, nachts schlagartig motorisch so schlecht drauf war, dass ihr ständig Gegenstände herunterfielen wie Besteck, Schlüsselbund, stapelweise Bücher, und - ich könnte fast schwören - unter anderem eine große leere Plastikgießkanne und ein Amboss.

Was habe ich gerade selbst gesagt? Schluss damit. Wenn man größtenteils mit selbstgewählten, angenehmen Menschen zusammen ist, lässt sich in seinem Elfenbeinturm leicht philosophieren: „Wir sind alle eins, sind miteinander verbunden und gehören zusammen“. Wenn man seit langem so brutal mit den Realitäten der menschlichen Seele und der menschlichen Handlungen konfrontiert wird, wird es schon schwieriger. Also muss ich mich anstrengen, um diese These aufrechtzuerhalten, statt hier Gift zu spritzen und nachzutreten. (Aber ehrlich, es war so abstoßend, ich möchte nicht mit jedem Eins sein, bitte.)

Dafür traf ich aber auch eine der bemerkenswertesten, stärksten, witzigsten Frauen, die ich je in meinem Leben kennengelernt habe, insofern war es im Nachhinein betrachtet eine richtige Bereicherung. Sie ist 68, hatte neunmal Blasenkrebs, einmal Lungenkrebs (jetzt kam die zweite, noch bösartigere Lungenkrebsdiagnose dazu), einen Herzinfarkt vor sechs Wochen, was die Therapie ziemlich erschwert, sowie Kleinkram wie Typhus im Kindesalter und Eileiterschwangerschaft mit drei Liter Blutverlust, die sie nur dank ihrem zweijährigen Sohn überlebte, außerdem hat sie eine künstliche Bauchspeicheldrüse und noch ein paar Sachen, die mir nicht mehr einfallen. Zwei Kinder hat sie allein groß gezogen, die sie täglich besuchten. Diese Frau hat Humor, Verstand und Anstand. Während eine Gleichaltrige – ebenfalls 68 - sich nebenan füttern lässt wie ein Baby. Die Motive, sich ins Krankenhaus zu begeben scheinen wirklich vielfältig zu sein. Und manche Ereignisse schweißen einfach zusammen, wir sind beide dankbar, diese Zeit wenigstens gemeinsam durchstanden zu haben und fühlen uns jetzt wie Kriegskameraden und wollen regelmäßige Veteranentreffen einführen.

Zurück zu Gesundheitsfakten. Beziehungsweise: Nun zu den Gesundheitsfakten. Mit 46 kg bin ich bereits leicht untergewichtig hin, mit 42,8 kg wieder heim. (Jetzt meine ich immer, ich sitze auf einem Knopf, dabei ist es mein Steißbein.) Dies wiederum lag nicht an den Irren, sondern daran, dass mein Bauch so voller Luft war, dass Essen unmöglich war. Jetzt gebe ich jedem leichten Hungergefühl großzügig nach, um mich wieder aufzupäppeln. Habe leider Afinitor zu früh wieder voll eingesetzt, so dass meine Mundschleimhäute sofort hinüber waren. Musste  reduzieren und langsam steigern.

Ein Tumor von 6x5x4 cm im linken Leberlappen ist weg, leider allerdings, wie wegen der gefährlichen Nähe zu Magen, Darm und Gallenblase schon befürchtet, mit einem Überbleibselrand. Selbstverständlich bekam ich eine Infektion, diesmal eine richtig hartnäckige und wohl auch gefährliche, die mehrere Antibiotika auf Probe stellte. Momentan nehme ich das vierte Antibiotikum und die Entzündungswerte erscheinen rückläufig.

Der Tatsache, dass ich am OP-Tag zufällig an einer besonderen Visite teilhaben konnte, verdanke ich vermutlich nicht zuletzt den Umstand, dass ich diesmal kaum erinnerungswürdige Schmerzen hatte. Die Professorin, die sich eigentlich auch nur mit Privatpatienten abgeben könnte, macht nämlich einmal wöchentlich eine Gesamtvisite. Nachdem ich ihr sagte, dass mir die dem Eingriff anschließenden Schmerzen Sorgen machen, weil es letztes Mal nicht wirklich gut lief, befahl sie, mich bei Bedarf jederzeit unverzüglich mit allem zu versorgen, was ich brauche. (Diese Frau ist, mit Verlaub und allem Respekt, wirklich eine Wucht. Eine absolut faszinierende, freundliche, Geist und Stärke ausstrahlende Persönlichkeit. Für mich der ultimative Beweis, dass Schönheit von innen kommt und auch im betagten Alter möglich ist. Und dies sage ich völlig ohne morphinbetrübten Blick oder nur weil sie so nett zu mir war.)

Schmerztechnisch lief es jedenfalls wirklich optimal und ich habe einen Teil meiner diesbezüglichen Ängste begraben können. (Wie merkwürdig es sich später im eigenen Entlassungsbericht liest: „Patientin wach, orientiert, blass, ängstlich“.) Es scheint jedenfalls ohne weiteres möglich zu sein, einen Patienten weitestgehend schmerzfrei zu halten, wenn man es nur wirklich will. Das ist gut zu wissen, denn ich gewinne immer mehr den Eindruck, dass meine Schmerzen schwer zu bekämpfen sind, weil ich auf Schmerzmittel überdurchschnittlich schlecht oder unterdurchschnittlich gut anspreche. Jetzt bin ich allerdings schon beim Ausschleichen, wie Mediziner das nennen, noch höchstens eine Woche und ich bin wieder clean. Nur nicht zu ungeduldig werden und zu schnell reduzieren, sonst wache ich nachts doch vor Schmerzen auf.

Mein Aufenthalt außerhalb des Krankenhauses ist diesmal allerdings kurzfristig. Am liebsten hätte mich mein Arzt schon diese Woche schon wieder hingeschickt, weil die Metastase im rechten Lappen doch auch recht eilig sei, und sonst kommt Weihnachten und der ganze Kram. „Keine Zeit verlieren“ ist sonst auch meine Devise, aber ein Roboter bin ich nicht. Mit guten Argumenten („Hab gar keine Substanz mehr, wiege ja nix; bin mental noch nicht so weit, muss zwischendurch was anderes sehen“) ergab sich der Kompromiss, dass ich am 14.12 hingehe. In der Zwischenzeit fliege ich spontan nach Finnland, um meine Schwester Kristiina und meine Nichten Petra und Liisa zu besuchen. Ein geographischer Wechsel, der dazu nötig ist, kommt mir gerade recht. Zwischendurch machen wir einen Abstecher mit der Fähre nach Tallinn, meiner Heimatstadt. Somit schlage ich zwei Fliegen mit einer Klappe, denn mindestens einmal jährlich will ich Estland sehen. Es ergibt sich irgendwie immer wieder, dass ich meine Heimat zur hässlichstmöglichen Jahreszeit besuche, aber das bekümmert mich nicht so. Eher die Tatsache, dass ich Dienstagabend zurück und schon Mittwochmorgen im Krankenhaus sein muss.

Steffen ist zurück vom Kino: Höchstnote, was bei ihm heißt: „Ein Film ohne eine einzige Schwäche“. Fühlt sich sehr bereichert, wenn auch schwer angeschlagen. Ansonsten konform mit der Spiegelrezension: Sehr, sehr gut. Aber nacherzählen geht nicht. Ich mag keine Filme, deren Handlung man einfach nacherzählen kann, also muss ich wohl doch rein. Hoffentlich sitze ich Weihnachten nicht im Krankenhaus, dann könnte ich ihn vielleicht noch sehen. Darauf, dass ich zur Not irgendwann die DVD sehen werde, kann ich ja nicht bauen. Das dauert vielleicht ein halbes Jahr, bis die rauskommt.



Donnerstag, 10. November 2011

Gesundheits- und Befindlichkeitsreport November 2011 (formerly known as Mein aktueller Gesundheitszustand Monat/Jahr)

 
Manche Fragen lösen sich dadurch, dass man sie einfach aussitzt wie Helmut Kohl seine Spendenaffäre. Mein Aussitzen, allerdings bedingt durch eine Entscheidungsschwäche, hat mich zu der Entscheidung gebracht, vorerst (auch wenn das Wort angesichts meiner Lebensphase merkwürdig klingen mag) kein Antidepressivum zu nehmen, sondern es (vorerst) einfach laufen lassen. Und jetzt traue ich dem Frieden langsam doch. Wenn ich möchte und falls es zufällig ein Mythos sein sollte, dass man Medikamente mehrere Jahre nach dem Ablauf des Haltbarkeitsdatums nicht mehr verwenden sollte (hab noch welche von vor sechs Jahren), kann ich ja immer noch jederzeit damit anfangen. (Oder mir neue verschreiben lassen, aber die schwäbische Aufbrauchmentalität hat mich wohl mittlerweile infiltriert.) Dieses Wissen scheint mich ebenfalls bei der Stange zu halten und meine Entscheidungsschwäche angenehm zu stützen.

Erstaunlicherweise habe ich mehrere ermutigende Briefe auf meinen diesbezüglichen Blogbeitrag bekommen. Man muss Antidepressiva heutzutage also gar nicht unbedingt verteidigen. Eher muss man sich erklären, wenn man mit dem Gedanken spielt, welche zu nehmen und es dann doch nicht tut – so wie ich, die ich ja anscheinend zu der absolut berechtigten Zielgruppe gehöre. Die Erklärung lautet wie folgt und wie schon mal gesagt: Ich möchte alles mitnehmen, und meiner Erfahrung und Erinnerung nach fehlen mir mit Antidepressiva, und seien sie noch so sanft und geringdosiert, die Spitzen in der elektrischen Kurve, die mein Hirn und/oder meine Seele produzieren. Diese Spitzen lehren mich aber am meisten, und ich möchte lernen und fühlen, bis ich sterbe bzw. noch einigermaßen interessiert und aufnahmefähig bin.

Völlig anders verhält es sich allerdings mit Schmerz. Siehe dazu den Extrabeitrag, den ich demnächst reinstellen werde. Das Thema ist so umfangreich und beschäftigt mich so sehr, dass ich das hier unmöglich unterbringen kann, aber da ich beim Schreiben oft mit mir selbst debattiere (diese verdammte Dialektik!), komme ich nicht umhin, gerade hier einzuwerfen: „Tja, alles mitnehmen wollen, aber was ist mit Schmerz? Der gehört auch zum Leben!“. Und weil die Dialektik besonders nervig ist, wenn man sie gegen sich selbst verwendet, um ja eine klare Aussage zu vermeiden oder zu relativieren, die ansonsten keiner in Frage stellen würde, sage ich: Was kümmert mich mein Geschwätz von vor drei Sekunden, hier ist der Beitrag.

Also. 
Schmerz 
Oder besser: Schmerz nicht im Allgemeinen, sondern unter besonderer Berücksichtigung des Mitnehmens

Ja, ich möchte zwar alles, was das Leben zu bieten hat, mitnehmen. Aber mit Schmerz verhält es sich völlig anders, den kille ich gerne und bei Bedarf rigoros. Da es mittlerweile keinen Körperteil an mir gibt, der nicht in irgendeiner Form mit Schmerz konfrontiert worden ist, gibt es da nichts mehr zu lernen für mich. Im Gegenteil: Zu viel körperlichen Schmerz macht dumm, weil es die geistigen Kapazitäten bindet, von den körperlichen selbstredend ganz abgesehen. Und falls es doch was zu lernen gäbe oder ich einen Körperteil nicht berücksichtigt oder eine Eigenschaft des Schmerzes nicht kennengelernt haben sollte (bohrend, stechend, stumpf, scharf, wellenartig, pochend etc. etc. scheiden also schon mal aus), sterbe ich gerne ohne dieses Zusatzwissen, was unter Umständen schmerztechnisch noch alles möglich wäre.

In diesem Zuge möchte ich gerne auch mit einem Satz aufräumen, der irgendwann für so schön und schlüssig befunden wurde, dass er im allgemeinen gesellschaftlichen Konsens energisch abgenickt wurde:
„Seelischer Schmerz ist schlimmer als körperlicher Schmerz“.
Ich sage darauf: „Mitnichten“. Zumindest lebt man mit seelischen Schmerzen unter Umständen länger. Wer jetzt sagt: „Dann wissen Sie nicht, was seelischer Schmerz ist“, dem antworte ich schon wieder: „Mitnichten. Sehr wohl weiß ich das“. Und seit meiner fatalen Thailandreise weiß ich, dass zu lange ausgehaltener und eigentlich unerträglicher körperlicher Schmerz in relativ kurzer Zeit töten kann. Viel hat damals jedenfalls nicht gefehlt. Und mit „unerträglich“ meine ich keine Schmerzen, mit denen man noch in der Lage ist, sich ein Sterberecht einzuklagen oder sich – zumindest selbständig – auf die Gleise zu legen. Oder die Dachterrasse eines Hochhauses aufzusuchen und ähnliches. Wer meine Aussage noch nicht verstanden hat: Das alles kann man mit seelischen Schmerzen sehr wohl. Mit schrecklichen seelischen Schmerzen kann man sogar jahrelang so tun, als ob man keine hätte. Wer immer noch nicht folgen kann, dem sei gesagt: Auch das kann man mit entsprechenden körperlichen Schmerzen nicht. Und um nicht nur noch mal in diese Kerbe zu schlagen, sondern sie mit einem Taschenmesser richtig auszuhöhlen: Wer sich vor Schmerz windet, wird selten darüber nachdenken, endlich mal eine Psychotherapie zu beginnen, um seine seelischen Probleme in den Griff zu bekommen. Der hat nur einen Gedanken, nur eine Priorität. Welche das ist, müsste nun auch ohne Taschenmesser klar sein.

Und damit wären wir am Ende unserer an sich fast beliebig erweiterbarer Beweiskette. Zumindest solange wir nicht anfangen, zum Beispiel völlereibedingte Magenschmerzen mit dem seelischen Schmerz missbrauchter Kinder oder mit dem der Eltern eines verschwundenen und/oder ermordeten Kindes zu vergleichen (in meinen Augen die schlimmsten Formen seelischer Schmerzen), oder andersherum: einen Migräneanfall zu vergleichen mit mieser Laune aufgrund des chronisch fehlenden Sommers. Obwohl ich zugeben muss, dass es mich nun reizen würde, zwei an Maslow angelehnte Schmerzpyramiden zu erstellen. Was allerdings viel sinnlose Arbeit bedeuten würde und deshalb durch mich unerledigt bleibt.

Ich hätte allerdings noch einige andere Postulate dieser Art, deren Schönheit und demzufolge scheinbare Schlüssigkeit mir auf den Keks gehen und auf die ich deshalb gerne mit einem „Mitnichten“ antworten möchte, unter anderem weil mir dieses Wort gerade so gefällt, aber vielleicht ein andermal. Sonst muss ich hier noch weitere selbständige Beiträge einflechten. Und hätte wieder mal am Thema bzw. Überschrift vorbeigeschrieben.

Zurück zum Gesundheits- und Befindlichkeitsreport, der jetzt so heißt, weil 1) mir „Mein aktueller Gesundheitszustand“ als Rubrik eigentlich von Anfang an irgendwie komisch vorkam; wenn ich dies aber nicht explizit formuliere, würden mich besorgte Leser oder Flüchtigleser hinter den Kulissen fragen: „Aber wie geht es Ihnen gesundheitlich im Moment, darüber erfährt man in Ihrem aktuellen Beitrag nichts?“ und 2) ich kürzlich irgendwo wieder etwas Verächtliches über Befindlichkeitsblogs und –getwitter gelesen habe. Zwar ging es dabei um Themen wie „Heute hab ich schlechte Laune“, aber um mich über den Verdacht zu erheben, ich führte ein reines Befindlichkeitsblog, springe ich einfach auf diesen Zug auf, um ja jedem klar zu machen, dass ich mich durch Ironie von so etwas distanzieren will. Ob es mir auch in der Praxis gelingt, darüber zu urteilen sei jedem selbst überlassen.

Meine Befindlichkeit hat momentan also ein A-Rating, wenn nicht gar AA-Rating. Ich habe momentan jedenfalls überhaupt keine Schmerzen, oder höchstens welche der zu vernachlässigenden Sorte. Ich habe auch keine Depression - nicht mal die Tatsache, dass der Kelch, der seit ein paar Monaten in einem 30-Grad-Winkel über mir hängt und mir dadurch fast eine Depression bescherte, dass dieser Kelch am Montag tatsächlich über meinem Kopf ausgeschüttet wird, macht mich momentan wirklich fertig. Will sagen: Die werden nächste Woche im Krankenhaus tatsächlich an meine Lebermetastasen rangehen, wie schon dreimal zuvor, nur ist es diesmal etwas kniffliger. Und will noch sagen: Nicht mal das macht mich wirklich fertig, mir scheint es also psychisch recht gut zu gehen, auch ohne Antidepressiva.

Das Hirn ist nämlich ein so wunderbares Organ: Selbst äußerst unangenehmen, gar traumatischen Erinnerungen stülpt es irgendwann einen Pontscho über, der zwar löchrig ist, aber doch vieles verdeckt. So sehe ich der Sache mittlerweile pragmatisch und fast gelassen entgegen, zumindest darf es im Krankenhaus nach den üblichen gründlichen Voruntersuchungen nicht heißen: „Nicht operabel, auf Wiedersehen. Beziehungsweise eben nicht auf Wiedersehen, sondern leben Sie wohl. Beziehungsweise… äh, Sie verstehen schon.“ Ich hoffe also, dass sie operieren können und dass es auch gut geht. Was danach ist – zu erwarten ist, dass es noch ätzender wird als je zuvor -, soll heute noch nicht meine Sorge sein. Am Montag dann.

Mit einiger Überraschung stellte ich kürzlich fest, dass es die vierte RFA (Radiofrequenzablation) innerhalb von 16 Monaten ist, also im Schnitt alle vier Monate eine. Danach jedes Mal wochenlange Rekonvaleszenz, und trotzdem kommt mir die Zeit, die ich dadurch gewonnen habe und die ich auch genießen konnte, so lang und reich vor. Zwar fühle ich mich aktuell so fit, dass es fast schade ist, diesen Zustand durch den Eingriff für viele Wochen wieder zunichte zu machen, aber das ist selbstverständlich gesponnen, reines Luxusdenken. Also auf zur vierten RFA!

Mittwoch, 9. November 2011

Lesung


Noch später und dadurch werbemäßig wohl noch weniger wirksam hier noch schnell der Hinweis, dass ich übermorgen, am Freitag um 19:30 Uhr in Mössingen in der Tonnenhalle im Pausa-Quartier lese bzw. erzähle und lese. (Nächstes Mal mache ich meine entsprechende Ankündigung wahrscheinlich eine Woche nach der Veranstaltung). Keine Sorge, ich bin mir ziemlich sicher, dass das nicht der Raum ist, in dem die Mülltonnen bis zur Entleerung aufbewahrt werden.

Dauer steht nicht fest, aber so wie ich mich kenne, kommt da keiner vor zwei Stunden wieder raus, hängt allerdings auch von der Menge der Fragen am Ende ab. Ob eine Pause eingeplant ist, muss ich noch erfragen - gut, dass wir gerade darüber sprechen. Letztes Mal ist jedenfalls niemand in der Pause gegangen, das bewerte ich so, dass ich eigentlich ruhig noch eine Stunde dranhängen kann. (Wieder: Keine Sorge, mach’ ich nicht, aber letztes Mal hörte ich von mehreren Zuhörern, dass sie die Zeit völlig vergessen hätten. Ich übrigens ebenso. Also wenn Sie auf den Zug müssen, dann stellen Sie sich ruhig den Handyreminder oder wie das auf Deutsch heißt. Wir sind bei mir ja nicht im Kino.)

Herzlich willkommen jedenfalls. Hoffentlich habe ich bis Freitag wieder eine Stimme, momentan krächze ich recht unansehnlich. (Oder heißt es dann unanhörlich oder was.) Wird aber sicher wieder, Ingwertee ist wirklich gut, danke, Sabine, das mache ich jetzt täglich, ob du es glaubst oder nicht, die Knolle ist fast schon weg. Und bevor ich jetzt noch neue Vorschläge bekomme: Primel und Thymian nehme ich auch, und noch einiges andere, vielen Dank. Ich freue mich jedenfalls drauf – auf die Wiederkehr meiner Stimme und auf die Zuhörer. Ich glaube, das wird für alle Beteiligten wieder eine schöne Sache.

Montag, 17. Oktober 2011

Soirée

Sehr spät und dadurch werbemäßig vermutlich kaum wirksam teile ich hiermit mit, dass am kommenden Donnerstag, den 20.10 um 19:30 Uhr in Frankfurt, Haus am Dom, Adresse: Domplatz 3, eine Soirée mit meiner Person (ich sage extra nicht: „mit meiner Wenigkeit“, weil mir dieses drollige möchtegernbescheidene Wort zwar gefällt, es leider aber so abgedroschen ist) stattfindet. Es ist ein Dreiteiler: Erst Lesung, dann Bühnendiskussion und schließlich Interaktion mit dem Publikum, also Fragen stellen. Wenn keine Fragen kommen, dann nach Hause gehen.

Ich warne Sie allerdings, oder beglücke Sie (je nachdem) mit der Ankündigung, dass meine Lesung nicht ganz klassisch verlaufen wird. Mein persönlicher und leider auch in Wirklichkeit mehrmals wiedergekehrter Albtraum einer Lesung ist: Autor (unter Umständen auch ein von mir sehr verehrter und geliebter Autor) liest - gegebenenfalls mit monotoner, einschläfernder Stimme - aus seinem aktuellem Buch, das ich eh schon selbst gelesen habe; Autor klappt das Buch zu und steht auf; Applaus; Autor verschwindet, ohne die Möglichkeit für Fragen aus dem Publikum anzubieten, oder, noch schlimmer: ihm werden Fragen hinterhergerufen, die er ignoriert.

Ich werde jedenfalls versuchen, diametral dazu vorzugehen. Beziehungsweise so ist die ganze Sache ja auch konzipiert, wie oben schon zu lesen war.

Zwar habe ich aktuell eine starke Erkältung, mein Kopf ist momentan aus Beton und hat einen Durchmesser von circa einem Meter, aber bis Donnerstag ist sein Umfang hoffentlich auf einen halben Meter geschrumpft. Zumindest ist mir ein super Einstieg eingefallen, und ich glaube: so einen hat wohl noch nie jemand in seiner Lesung gebracht. Hoffentlich läuft mir das Publikum nicht gleich mit ihren Trenchcoats auf dem Arm und mit zusammengeklappten Regenschirmen Richtung Bühne fuchtelnd davon. Aber jetzt nichts Schockierendes erwarten oder so, der Einstieg ist halt… eigen. Der Rest muss sich dann ergeben. (Ich muss nämlich noch ordentlich zusammenkürzen, weil es eine Zeitvorgabe für die einzelnen Parts gibt, was ich nicht wusste. Nur die Gesundheit zwingt mich aktuell zur Prokrastination.) Allerdings: anhand dieser nasen- und hirnnebenhöhlenverstopften und dadurch, sagen wir, etwas unbekümmerten Ankündigung eine reine Spaßveranstaltung zu erwarten wäre auch ein Holzweg, wenn nicht gar Betonweg. Jupiter bin ich nämlich nur in meinem Blog, auswärts bin ich ein durchaus höflicher und seriöser Ochse.

Also, wen das alles noch nicht abgeschreckt oder zumindest allzu sehr irritiert hat: Jeder ist willkommen. Abendkleidung nicht nötig, zu essen und zu trinken gibt es meines Wissens ebenfalls nichts umsonst, auch wenn das Wort Soirée so verheißungsvoll klingt. Ich mache jedenfalls sehr gerne eine Soirée, viel lieber als eine Lesung. Eintritt 4 Euro, ermäßigt 3 Euro - für wen auch immer das gilt; ich denke mal, für Schwerbehinderte, wie ich es eine bin, und so. (Ich komme allerdings ganz umsonst rein).

Montag, 26. September 2011

Mein aktueller Gesundheitszustand, September 2011


 Das Blöde mit den Antidepressiva ist, dass sie erst nach mehreren Wochen anfangen zu wirken. Zumindest die, die für mich in Frage kämen, also selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer. Grob zusammengefasst muss sich dabei das Hirn um die Herstellung seines Serotonins (das im Hirn einen gewissen Beitrag bei der chemischen Herstellung von Glück leistet) weiterhin schon selber kümmern, nur kursiert es länger im Hirn und kann sich nicht so schnell wieder aus dem Staub machen. Also eine einigermaßen durchschaubare Sache und kein Hexenwerk. Vor Jahren hatte ich damit eine Episode von ein paar Monaten, die ich in keiner schlechten Erinnerung habe. Trotzdem sage ich, dass ich zum Glück - und nicht leider - das Mittel damals bei einer längeren Reise zu Hause vergessen hatte und dadurch merkte, dass ich es gar nicht mehr brauchte. Jetzt frage ich mich seit Wochen, ob es an der Zeit wäre, wieder damit anzufangen. Oder ob ich aus meinem Loch, auf dessen Boden ich zurzeit hocke, mit eigenen Kräften herauskomme. Das einzige, was ich durch ein Antidepressivum zu verlieren hätte, wäre ein Bruchteil meiner Emotionen: Statt „himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“ gäbe es dann „mittelhoch jauchzend, recht betrübt“. Das wäre aber kein geringer Preis, wenn man alles, was das Leben noch zu bieten hat, bedingungslos mitnehmen will. In guten wie in schlechten Zeiten.

Vermutlich zögere ich die Entscheidung so lange hinaus, bis ich tatsächlich selbständig aus dem Loch rausgekrochen bin. Ich bin eigentlich schon dabei, die Wände sind allerdings etwas bröckelig, es mag noch dauern, bis der Halt so fest wird, dass ich mich mit einem großen Satz richtig rausschwingen kann. Wenn man ein Leben am Abgrund führt und immer wieder dort hineinschielt, um sich zu vergewissern, dass man mit der Bedrohung, die dort wohnt, einigermaßen zurecht kommt, ist es wohl nicht ungewöhnlich, dass man ab und zu tatsächlich hineinrutscht, hineingezogen durch das bloße Hineinschauen.

Das Irritierende bei der Sache ist allerdings, dass meine wirklich heftigen Stimmungstiefs selten länger als drei-vier Tage anhielten, danach wurde es mir zu langweilig. Diesmal bin ich zwar meistens nicht ganz unten, aber ziemlich weit unten. Wiederum nicht weit genug, um täglich zu weinen (so wie vor vier Wochen habe ich allerdings seit Jahren nicht geweint, zumindest nicht am Stück). Aber wiederum weit genug, um doch wenig heitere Gedanken und keinerlei Antrieb zu besitzen, von wenigen Tagen zwischendurch mal abgesehen. (Die mir jedes Mal zu der irrigen Annahme führen, ich wäre jetzt raus aus dem Loch.) Und das, wo mir meine Lebenszeit doch so teuer ist! Der Auslöser für den Absturz war der Besuch in Buchenwald, an diesem Tag ging es los. Die Ursache liegt vermutlich woanders, von denen gäbe es natürlich auch genug, zumindest objektiv betrachtet (was ein Widerspruch in sich ist, denn objektive Betrachtung gibt es nicht). Vielleicht ist es einfach nicht normal, so glücklich zu sein, so froh über sein Leben, wie ich es in den letzten Jahren meist war, und die Psyche verlangt Ausgleich „nach Norm“. Ich war dabei sicher kein Verdränger, mein Frohsinn stammte direkt aus der Dankbarkeit, überhaupt am Leben zu sein. Aber am Leben zu sein bedeutet ja auch mal unten zu sein. Ein Dilemma, das mein Körper vielleicht ohne mich gelöst hat.

Zu den handfesteren, leichter zu vermittelnden Ursachen. Ich hänge seit Wochen in der Luft, was eine neuerliche OP betrifft. Die letzte ist mir noch allzu gut in Erinnerung, das heißt eigentlich: allzu schlecht. Richtig auf die Beine gekommen bin ich seitdem nicht, die Regeneration hat noch nie so lange gedauert. Vor einigen Tagen begann ich sogar wieder Morphin zu nehmen, weil die Schmerzen offensichtlich doch keine Restzuckungen der Rekonvaleszenzphase sind. Ich schließe nicht aus, dass das Morphin bei mir die Niedergeschlagenheit verstärkt, ich bin nämlich nach der letzten OP, als ich zeitweise über 100 mg täglich einnahm, ebenfalls mehrmals beim Erwachen in Tränen ausgebrochen – sehr ungewöhnlich für mich, um nicht zu sagen: ein Novum. Eventuell sollte ich doch ein anderes Opiat ausprobieren, ich thematisiere das mal beim nächsten Arzttermin. Dass der Schmerz die Lebergefilde verlassen und höher gekrochen ist, mag von der unbewussten Schonhaltung bedingt sein. Von Lungenmetastasen war vor einem Monat im Röntgen jedenfalls nichts zu sehen. Eventuell sind es Verwachsungen, Vernarbungen oder Ähnliches, oder einfach das sogenannte Schmerzgedächtnis – mit der Quelle an der OP-Stelle -, dessen subtile Macht ich immer wieder beteuere. Oder es kommt davon, dass ich beim Kubbspiel letztens einen so guten Wurf machte, dass Martin mich vor Freude über die Schulter stemmte und kopfüberhängend mit mir herumtanzte. Ein Miniriss vielleicht, sozusagen. (Ja, es kann ein Segen und ein Fluch sein, wenn Menschen vergessen, wie krank ich eigentlich bin. Erinnert mich an eine Hochzeit, bei der mich Andreas freudestrahlend auf die Tanzfläche zerrte und mit mir eine wilde Polka hinlegte, von der ich mich während der restlichen Hochzeit erst langsam erholte. Aber was tut man nicht alles, um anderen nicht die Freude zu nehmen, insbesondere wenn man so überrumpelt ist, dass man gar nicht schnell genug schaltet, um sich zu retten. Oder wenn es zu laut ist, um sich deutlich zu machen.)

Zwar esse ich momentan wie ein Scheunendrescher (ein kleines bis mittelgroßes Modell) und bekomme meine Hosen, die ich mir in klapperdünnen Zeiten zugelegt habe, nicht mehr richtig zu. Mit der Ungewissheit im Großen muss ich mich schon lange herumschlagen, erfreulich lange. Aber die Ungewissheit im Kleinen schafft mich gerade. Dabei ist es gar keine Ungewissheit: Die Metastasen müssen mit dieser Hochfrequenzmethode noch mal angegangen werden, auch wenn das Risiko, dass die Gallenblase platzt, groß ist (nicht, weil der operierende Arzt nicht treffen würde - der ist, glaube ich, richtig gut in seinem Fach und genießt mein absolutes Vertrauen -, sondern wegen der Hitze). Alle anderen Methoden seien dasselbe in Grün, wenn nicht noch gefährlicher. Jetzt warte ich auf die nächsten Tumormarker, wenn die gestiegen sind, bin ich dran. (Mein Arzt, der die OP so nah an der Gallenblase anfangs für zu gefährlich hielt, sagte, nachdem er die CT-Bilder vom Krankenhaus bekam, dass es doch etwas schlechter aussieht als er gedacht hatte, weil er im Ultraschall diese Ecke immer ganz schlecht sehen konnte. Und dass er die OP deshalb befürworten muss.) Wenn nicht, habe ich noch Aufschub. Und vielleicht hilft ja vorher noch Afinitor, von dem ich nun die doppelte Menge nehme.

Weil ich manchmal gefragt werde, welche Therapie ich aktuell bekomme, in diesem Zuge gleich die gesamte Auskunft: Wie seit vielen Jahren schon, bekomme ich alle drei Wochen Herceptin; wenn die Leberwerte es zulassen, dann seit ca. einem halben Jahr auch Gemzar (meistens stürzen sie dadurch aber in den Keller, so dass die erwünschte Frequenz so gut wie nie eingehalten werden kann); diese beiden bekomme ich als Infusion. Subjektiv kann ich dabei keinerlei Nebenwirkungen feststellen. Seit Herbst 2008 nehme ich täglich Tyverb, mit der einzigen Nebenwirkung von Durchfällen, die mit Imodium gut in Griff zu halten sind. (Zudem ist eine starke Verstopfung unvergleichlich unangenehmer als ein starker Durchfall.) Im Herbst 2008 sah es mit mir so schlecht aus, dass ich dem Tod in ein paar Monaten entgegensah. Und auch wenn ich nicht so gerne mit Superlativen um mich schmeiße, möchte ich es hier fast tun. Damals brachte dieses Mittel jedenfalls die Wende, innerhalb eines Monats waren die Metastasen fast verschwunden. Auch umgekehrt ist das Tempo bei mir allerdings alles andere als gemächlich: Wenn die Metastasen wiederkommen, dann wie ein Tsunami. Die Teilungsfreude meiner Krebszellen ist nämlich ungemein, ich bin ja auch u.a. dreifach HER2/neu-positiv.

Leider hat Tyverb mittlerweile die Wirkung verloren, es ist aber deshalb noch lange nicht ratsam, es abzusetzen, genauso wenig wie man Herceptin absetzen sollte. Die Rezeptoren, die diese blockieren sollen, sind ja weiterhin da. Nur nehme ich momentan von Tyverbtabletten statt fünf nur vier Stück (1000 mg), um dem Organismus nicht zu sehr zuzusetzen. Und als viertes Mittel nehme ich täglich 10 mg Afinitor, das zwar nur für das Nierenkarzinom zugelassen ist, aber in solchen weitgehend austherapierten Fällen wie der meine darf man das ausprobieren. Der Erfolg war zumindest einige Monate lang da, mal sehen, was die höhere Dosis nun macht. Der befürchtete Husten als Nebenwirkung, der schnell zu einer Lungenentzündung übergehen kann, ist bislang, toi, toi, toi, ausgeblieben. (Haa, daher aber vielleicht meine Atembeschwerden! Das Naheliegende habe ich links liegen gelassen, war wohl zu nah.) Vor ein paar Wochen waren die Tumormarker ungefähr gleich geblieben, was man ebenfalls als Erfolg bezeichnen kann. Auch wenn ich ehrlich gesagt durch die Entfernung von so viel Tumorgewebe in der Leber mit einem deutlichen Sinken von Tumormarkern gerechnet hatte.

Einen so sachlich-negativen Blogbeitrag über meine Gesundheit habe ich wohl noch nie geschrieben. Sei’s drum, so ist nun mal die aktuelle Lage. Morgen fliegen Steffen und ich jedenfalls nach Barcelona, um meine ganz alten Freunde aus Aachener Zeit, Mona und Olivier zu besuchen, die jetzt in Sitges leben, direkt am Meer. Ich freue mich so sehr auf die beiden und die andere Umgebung und erhoffe mir dadurch andere Gedanken und neue Impulse. Die Tumormarker lasse ich zu Hause. Die Metastasen auch. Oder nein. Die Metastasen nehme ich mit, lasse sie aber dort. Ja, so machen wir es. 

Warum neue Liste?

So wie es aussieht, wäre das richtige Anknüpfungsthema jetzt die Talkshow „Unter uns“ in Weimar, wo ich allerdings, wie es mir erscheint, irgendwann im letzten Sommer war, so ewig weit weg ist es für mich. Aber was soll’s, ich erzähl’ dann mal.

Also, ich war in Weimar bei der Talkshow „Unter uns“, irgendwann letzten Sommer. Soweit ich mich angesichts der verstrichenen Zeit erinnere, war es wieder mal eine schöne Erfahrung, die Menschen vor und hinter den Kulissen äußerst angenehm, das Klima nicht nur freundlich, sondern geradezu familiär, ich fühlte mich von vornherein so gut aufgehoben, dass ich wider jegliches Erwarten mich kurz vor der Sendung mit gefüllten Eiern und Honigmelone vollstopfte (ja, ich weiß, eine unter Umständen etwas merkwürdige Kombination, zumal ich in den Wochen davor als Folge der OP kaum Appetit hatte) und meinen Auftritt danach trotzdem quasi mit links über die Bühne brachte. So hat es angeblich zumindest ausgesehen. (Bei diesen sympathischen Moderatoren war es tatsächlich keine so hohe Kunst. Zumal ich immer den alten Rat beherzige, dem, mit dem man gerade spricht, in die Augen zu schauen, als würde das Gespräch in meinem Wohnzimmer stattfinden. Klingt zu einfach, wenn man es aber ganz treuherzig befolgt, kann es klappen.) Der einzige heikle Punkt war, dass einer der Kameramänner oft so dicht hinter mir stand, dass ich stets befürchtete, dass er mir bei einem Schwenk die Perücke vom Kopf fegen würde. Tat er dann doch nicht.

Je aufwändiger ein Auftritt – Hinfahren, Dasein, Erzählen, Heimfahren -, desto bereichernder für mich. Wie sehr ich wiederum andere bereichert habe, weiß ich nicht, aber die Briefe daraufhin waren wieder sehr, sehr nett. Zumindest die längeren und persönlicheren habe ich wie immer auch alle beantwortet. Jedenfalls war diese Sendung alles in allem eine schöne Sache.

Am nächsten Tag war all das nichtig. Da wir neben der Städtebesichtigung (Weimar und Erfurt) noch etwas „Kulturelles“ machen wollten, fuhren wir zu der KZ-Gedenkstätte Buchenwald. Ich hatte es schon vor 30 Jahren einmal gesehen, Steffen wollte diese Bildungslücke noch schließen, und obwohl ich es gar nicht unbedingt vorhatte, machte auch ich die komplette Runde, setzte mich einer zyklischen Erinnerung aus. Wäre ich in Estland geblieben, wüsste ich vermutlich nur einen Bruchteil davon, was jedem, der in Deutschland nicht gerade mit Tomaten auf den Augen durch das Leben stolpert, hier unweigerlich immer wieder in Wort und Bild begegnet. So glaubte ich, diesbezüglich weitgehend vorbereitet zu sein. Und doch traf mich dieser Ort mit einer Wucht, die ich nicht erwartet hätte.

Ich war davon ausgegangen, dass es einfach wie mit einem Buch sein würde, die man nach zig Jahren mit einem neuen Blick und Erfahrungsstand liest. Nun stellte ich aber fest, dass wichtige Passagen in Milchschrift verfasst worden waren. (Jeder, der als Kind Spionageromane gelesen hat, weiß, dass man Milchschrift mit heißem Bügeleisen lesbar machen kann. Und mein Bügeleisen war meine Nase an der Vitrine, die nicht Zitate und Auszüge enthielt, sondern Originaldokumente, mit all ihren Unzulänglichkeiten und Tippfehlern. Obwohl das Glas dazwischen war, schien das fast Haptische von entscheidender Bedeutung zu sein. Man könnte darüber wieder leicht ins Sinnieren über das digitale Zeitalter kommen, wenn man möchte. Ich möchte, tue es aber nicht.) Wenn damals das Gegenständliche mein kindliches Interesse einfing – die Schuhe, die groben Jacken, deren Muff man noch durchs Glas zu riechen glaubte, auch wenn sie sicher längst behutsam chemisch gereinigt worden waren, die armseligen selbstgebastelten Kämme und Rasierpinsel -, verbrachte ich diesmal also die meiste Zeit damit, Dokumente in Maschinenschrift zu lesen, die ich damals keines Blickes gewürdigt hatte. Wieder stellte ich fest, dass ich mittlerweile bevorzugt entweder sehr groß oder sehr klein denke. Das Große schwang selbstverständlich sowieso mit, aber das Kleine erschütterte mich ungleich mehr - die Wortwahl der Lageroberen, diese gutgelaunte Arroganz des Chefs eines „gutgehenden Geschäfts“. (Auch wenn dieser in der nächsten Vitrine schon selbst tot war, hingerichtet.) Die Parallelwelt in der Sozialstruktur wie im Schriftwechsel – hier die armseligen Mitteilungen der Gefangenen, dort die Beschwerden der Lageroberen, dass die eigenen Leute zu fett seien und entweder mehr körperliche Übungen machen oder „den Maulkorb höher hängen“ sollen. Und bitte nur noch die edelsten Lokale aufsuchen statt in solchen SS-Angehöriger unwürdigen Spelunken zu verkehren (Liste anbei), und die Ehefrauen sollten doch bitte zahlreicher an den gemeinsamen Vergnügungen teilnehmen. (Ist doch klar, eine bunte Reihe ist immer netter, wem würde das nicht einleuchten?) Nebenbei erfuhr ich, dass der Gefangene X zwar generell ein „rechter Lausbub“ sei, sich diesmal aber einen wirklich „fetten Brocken geleistet“ habe. Wie leicht und heiter das alles, ganz wie auf dem Foto „Papa macht Witzchen“.

Immer wieder blitzten (im wörtlichen Sinne) in den Schreiben die zwei zusammengepferchten Buchstaben SS auf – zwei Blitze. Ich stelle mir vor, wie die Schreibmaschinen umgestellt werden mussten, wie zahlreiche Briefe hin- und her geschickt wurden mit dem Befehl, ab sofort und für die nächsten tausend Jahre die Produktion dahingehend umzustellen, dass nur noch mit diesem Symbol ausgestattete Schreibmaschinen für den Dienstgebrauch ausgeliefert werden durften. Wie lächerlich die Entstehungsgeschichte mancher Symbole, wie spielerisch ihr Ursprung, auch wenn dieses spezielle Corporate Design in rein kreativer Hinsicht auf recht dünnen Beinchen daherkommt ("Ja, schon verstanden, das S muss ganz eckig und entschlossen wirken, ein zackiges, zorniges S sieht aus wie ein Blitz, und Blitz fanden wir ja schon immer gut - "Blitzkrieg", "Blitzsieg" -,nun können wir sogar zwei Fliegen mit einer Klappe... äh, Taste schlagen, wo nehmen Sie bloß immer diese Ideen her?") Und wie gefährlich ihre Macht, hat man die banalen Umstände ihrer flächendeckenden Einführung erst mal vergessen.

Die Symbole, die (Schrift)Zeichen, das Kleine, das mich erschütterte, konnte diesmal aber nicht klein genug sein. Das, was in Erinnerung bleibt, ist meist sowieso schwer beeinflussbar, in diesem Fall muss ich immer noch und immer wieder an eine bestimmte Namensliste denken, von denen es dort an sich nicht gerade wenige gab.

Das erste Drittel der Namen in dieser Liste war entweder mit Punkten oder Häkchen versehen, um den Rest darunter hatte jemand mit roter Tinte eine lange Eckklammer gesetzt und in flotter roter Schrift längs hinzu geschrieben: „Neue Liste“. Ich bekomme es nicht mehr aus dem Kopf. Warum neue Liste? War es gut, da drauf zu kommen? Waren etwa die Ofenkapazitäten gerade ausgeschöpft? Bedeutete das Aufschub, und wenn ja, wie lange? Einen Tag, eine Woche, oder kam jemand von der neuen Liste gar davon?

Und warum waren oben neben manchen Namen Punkte, bei anderen aber Häkchen? Mit Bleistift gesetzt, nicht mit Tinte, also noch korrigierfähig? Hieß Häkchen: „So, jetzt reicht's mir, der kommt nun endgültig weg, hat mir schon lange genug Kopfschmerzen bereitet mit seiner Frechheit“. Oder hieß es schlicht: „Ist mittlerweile schon von allein verstorben“? (Warum bin ich mir überhaupt sicher, dass Häkchen Tod bedeutete und Punkt irgendwie besser war?) Warum waren manche Punkte größer als andere, gerade so, als wäre der Schreiber mit seinem Bleistift bei Betrachtung des Namens in Gedanken versunken, hätte gezögert und immer länger herumgekritzelt, bis der Punkt fast ein Ball wurde. Hieß es: „Hm, soll der jetzt wirklich weg mit dieser „Lieferung“ oder lassen wir den noch ‚ne Weile hier…“

Oder war es alles ganz anders und gerade ein Ball-Punkt zeugte von Selbstzufriedenheit beim Auslöschen eines bestimmten Lebens, während ein unentschlossener, unscheinbarer kleiner Punkt eine Rettungsoption darstellte? (Und warum glaube ich immer noch, dass Häkchen am schlechtesten war?) Es waren jedenfalls zwei Leute am Werke: einer mit Bleistift, der andere mit roter Tinte. Wer entschied, und was entschied derjenige? Bleistift gegen Tinte, aber wer sagt, dass die eigentliche Entscheidung der Tintenmensch traf? Das wäre womöglich zu kurz gedacht. Vielleicht musste einfach eine neue Liste her, weil der untere Teil nicht in alphabetischer Reihenfolge war, und das mit der flotten Tintenschrift war die Sekretärin, die es gerade entdeckte. Ja, vielleicht steckte da gar nicht mehr dahinter. Oder doch ein ganzes Leben, gar mehrere vielleicht? Ja, was war bloß mit dieser "Neuen Liste"?

Freitag, 19. August 2011

Medienhinweis

Nächste Woche am Freitag, den 26.8 bin ich in der MDR-Talkshow „Unter uns“ zu Gast. Gesendet wird aus Weimar ab 22 Uhr, mein Gesprächspartner wird Axel Bulthaupt sein. Steffen geht zum ersten Mal mit, wird aber nach eigenem Bekunden „irgendwo im hintersten Eck sitzen“, mit Emili, und „nix sagen wollen“. Ja, ist ja gut, Steffen. 
Es ist wieder eine völlig neue Erfahrung für mich, weil ich diesmal nicht allein dastehe oder –sitze, sondern in einer richtigen Runde, wie das in Talkshows ja so üblich ist. Steffen und ich hängen noch einen Tag dran in Weimar und können rein zufällig den Geburtstag Goethes am Sonntag mitfeiern. Was immer das dann bedeuten mag – ein Bier auf ihn trinken oder so vielleicht. Wobei er in Weimar nicht geboren, sondern gestorben ist. Hm.

Zwei Wochen knapp oberhalb des Existenzminimums oder: Wieder auf dem Weg zur Menschwerdung


Wie der Titel schon sagt, verbrachte ich meine letzten Wochen eher im Zustand der Vegetation. Es war eine zähmassige, dumpfe, in Wachmomenten qualvoll schmerzende Zeit. Eine Zeit größtenteils im Nebel, aber nicht in einem freundlichen Nebel, der seinen im wörtlichen, wenn auch doppelt gemoppelten Sinne palliativen Mantel (‚pallium’ ist im Lateinischen ‚Mantel’, Palliativmedizin demzufolge Medizin des liebevoll mit einem Mantel Bedeckens) über einen breiten würde, sondern ein Nebel der Unsicherheit, etwas, worin man hilflos tappt, ein zähflüssiger, schmutziger Nebel, der einem den ebenso zähen Verstand aus dem Körper saugt, so dass dieser ebenfalls irgendwo im Nebel um den Kopf herum eiert.

Es ist fast intellektuell beleidigend, wie einfallslos Morphinträume sein können: dumb, eintönig, handlungs- und inhaltsarm bis zur Unerträglichkeit, dafür aber ewig lang. Man pult zum Beispiel den halben Tag lang im Traum einen Aufkleber vom Apfel, der geht und geht nicht ab, man muss ihn aber unbedingt abmachen, es ist ganz wichtig, also pult man weiter, immer weiter, kommt irgendwann langsam zu sich und denkt: Was für ein Schwachsinn, gut, dass ich aufgewacht bin. Und: Es muss mittlerweile Abend sein, denn vorhin wurde es langsam hell, nun ist der Tag wohl rum, auch gut. Man macht die Augen auf und sieht den Morgenkaffee auf dem Tablett. Der Tag steht einem also erst bevor, so was Blödes. Dann kommen wieder die Schmerzen, man kramt mit schlecht koordinierten Fingern seine Medikamente aus der Fächerdose neben dem Plastikgeschirr, dämmert wieder weg und fängt an, im Traum nach irgendeinem bestimmten Stift in der Schublade zu suchen, oder ein Tuch zusammenzufalten, aber der Wind weht oder das Tuch fällt ständig runter oder ändert seine Form. Stundenlang wurstelt man herum, ist schon todmüde davon, bis plötzlich der Pfleger mit dem Fiebermesser dasteht, der immer unmittelbar nach dem Frühstück kommt. Oder ist das der mit dem Blutdruckmessgerät oder wer. Egal. Die Gesichter kommen und gehen, die höfliche Vorstellung, wer sie sind und was sie mit mir vorhaben, könnten sie sich in einer solchen Phase eigentlich eh sparen.

Bis es aber größtenteils neblig und damit weniger schmerzhaft wurde, dauerte es Tage, weil die Schmerzmedikation so schwer in Gang kam. Jedes Mal das Gleiche, dabei hatte ich diesmal nach meiner Meinung wirklich toll vorgesorgt. Ich habe bereits vor dem Eingriff jedem, aber wirklich jedem, der mir irgendwie befugt vorkam (also mein Zimmer nicht zum Putzen betrat), eindringlich erklärt, dass es ganz, ganz wichtig ist, frühzeitig die richtige Dosis zu finden, wir dürften auf keinen Fall zu lange dem Schmerz hinterher rennen, weil sonst bei mir das Schmerzgedächtnis entsteht. Also „geben Sie mir ordentlich“, ich will bitte, bitte nicht wieder große und andauernde Schmerzen haben.

Stattdessen scheine ich im Vorfeld überall herumerklärt zu haben: „Wissen Sie, ich werde von Außerirdischen abgehört, weshalb es ganz wichtig ist, dass jegliche Kommunikation mit mir durch eine leere Toilettenpapierrolle erfolgt, denn das stört ihre Abhörfrequenz. Alternativ kann ich Ihnen anbieten, für jegliche Unterhaltungen unter mein Bett zu krabbeln – ich würde dann durch das Kopfkissen nach unten zu Ihnen sprechen -, oder aber beim Sprechen einen Motorradhelm zu tragen.“ Jedenfalls half meine prophylaktische Breitband-Aufklärung nichts, diese Energie und verlorene Liebesmüh hätte ich mir einfach sparen können. Es war eine weltfremde Utopie gewesen, wie der Kommunismus (letzterer allerdings zurecht). Und meine Mündigkeit kann ich mir wieder sonst wohin stecken. An den Hut. Oder dem Hasen geben (schwäbisches Sprichwort, das ich nie verstanden habe), soll der sie sich an den Hut stecken. Jedenfalls: Tagelang taten wir genau das, wovor ich warnte: dem Schmerz mit zu niedrigen oder zu kurzfristig wirksamen Schmerzmitteldosen hinterher rennen.

Dies war allerdings zum Teil auch dadurch bedingt, dass mehrmals ein ärztlicher Vermerk über die nächtliche Schmerzmedikation in meiner Krankenakte vergessen wurde. Deshalb musste ich mehrere Abende hintereinander von der Nachtschwester hören: „Ich bin nicht befugt, es steht nichts im Buch, ich kann Ihnen nur Novalgin geben“. Eine Ärztin, die es mal vergessen hatte und die sich verabschiedete mit „Ich habe es schon eingetragen“, bat ich tatsächlich, mir diesen Eintrag zu zeigen. Was sie verblüfft auch tat. Ein Eklat, gewiss. Aber man wird halt paranoid, wenn man zum widerholten und dann abermals widerholten Male viele Stunden lang mit Schmerzen darniederliegt, völlig macht- und hilflos. Ja, ja, natürlich haben Ärzte überall viel zu tun, ich bin ja nicht von gestern, und sicher werden sie tatsächlich kommen, irgendwann. ("Gleich" ist für mich mittlerweile ein Reizwort, es wäre mir lieber, zu erfahren: In den nächsten fünf Stunden passiert hier erst mal nix, das wäre wenigstens Gewissheit und demzufolge eine Art Entspannung.) Denn ich wiederum habe doch so viel Schmerz hier, der so einfach zu beseitigen wäre, mit Arbeit von Sekunden …

Als ich einmal vor lauter Verzweiflung eigenmächtig einige von Zuhause mitgebrachte Morphintabletten einwarf und dies der Ärztin, die die schriftliche Erlaubnis für die nächtliche Medikation vergessen hatte, auch noch sagte, handelte ich mir eine Rüge ein: „Bitte keine Medikamente ohne Absprache“. Ich sagte: „Natürlich nicht, aber es war mir irgendwann einfach egal, der Schmerz war stärker.“ Zumindest von meiner Seite wird auch künftig immer Transparenz herrschen, ich verschweige doch nicht eine Eigenmedikation auch unter Gefahr, getadelt zu werden.

Noch erinnere ich mich, dass eine ganz junge, sehr liebe Krankenschwester auf meine wiederholte vergebliche Bitte um Schmerzmittel eines Nachts sagte: „Aber ich könnte Ihnen eine schöne warme Milch mit Honig machen“. Vor Rührung über eine so reine, unberührte, naive Seele fing ich an zu heulen. Immerhin griff sie daraufhin zum Telefon und rief tatsächlich den Arzt an, der irgendwo im Haus unterwegs war. Überhaupt wäre das Einfachste, nachts einfach laut herumzuschreien, so dass keiner auf dem Flur Ruhe hat. Dann würde sofort einer kommen, ich bin mir sicher. Aber man ist ja vom nordeuropäischen Kulturkreis geprägt, da macht man so was nicht, außer man ist tatsächlich von Sinnen.

Ach, es ist so zermürbend, auch nur daran zu denken, ich wollte auch eigentlich gar nicht so viel darüber schreiben, aber ich schreibe eh immer was anderes als ich vorhabe. Überdies ist das Krankenhaus eigentlich das beste, in dem ich bisher verweilen durfte. Nur, wo ich doch im letzten Beitrag von Spaziergängen sprach: meine Brustablation mit Messer (und Gabel, nein, ich meine, mit Messer und allem Drum und Dran, wie man sich eine richtige klassische, brutale Operation vorstellt) - DAS war ein Spaziergang im Vergleich zu dieser Hochfrequenzablation in der Leber. Dies hier ist wirklich nichts Schönes, stehe im Internet dazu was wolle.

Aber jetzt mal wieder sachlich werden.
Der Eingriff an sich verlief wohl erfolgreich, die Metastasen im rechten Leberlappen sind also schön weggekocht worden. Leider hat man im linken Lappen in zwei Segmenten, nahe dem Herzen und der Gallenblase, weitere Metastasen entdeckt, die man nun in ca. 4 Wochen gerne ebenfalls wegmachen möchte. Ich wäre die auch sehr gerne los, weiß aber nicht, ob ich es physisch und psychisch so schnell wieder packe. Im Moment kann ich es mir jedenfalls nicht vorstellen, zumal dies dann tatsächlich „kein Spaziergang“ sein wird, sondern eine recht heikle Sache mit hoher Verletzungsgefahr, die Prozedur müsste auch irgendwie anders durchgeführt werden, aber wie genau - diese Information einzuholen habe ich mir bisher verkniffen, selbst das packe ich gerade nicht.

Ach ja, ganz vergessen: Natürlich bekam ich auch wieder eine Infektion, weshalb mir ein Breitbandantibiotikum verschrieben wurde, zusätzlich zu einem anderen, (Schmalband?)Antibiotikum. Mein Tablettenpensum war irgendwann so riesig, dass ich das Gefühl hatte, meine Haut und ich selbst atmete Gift aus und wenn ich den Mund öffnete, würde dort eine lumineszierende Wolke herrausschweben wie bei einem Comic-Drachen. Nicht weiter überraschend, dass ich wieder ordentlich Gewicht verloren habe, weil ich nichts bei mir behalten oder auch nur schmecken/riechen/sehen konnte. Naja, es werden wieder Cortisonzeiten kommen, da kommt der (ungesunde) Appetit von allein. Die für diese Woche geplanten Chemos habe ich aber abgesagt, bin noch in einem zu desolaten Zustand.

Wie weit weg und surreal mir mittlerweile die schönen Wochen in Namibia erscheinen! Die Realität ist wieder da. Aber mir ist bewusst, dass sich solche Luxusgedanken wie „Ich bin noch nicht bereit für eine zweite OP“ sich nur jemand leisten kann, dem das Wasser nur bis zum Kinn steht, nicht bis zur Nase. Und mir steht das Wasser momentan nur bis zum Kinn. Das Leben ist also (erst mal wieder) schön.