Donnerstag, 24. März 2011

Japan

Ich war in den letzten Wochen etwas schwach auf der Brust. Mittlerweile kann ich allerdings berichten, dass ich, ganz im Gegenteil, körperlich endlich wieder richtig stark auf der Brust bin. Auch wenn es diese Redewendung gar nicht gibt. 

Aber über mich zu berichten kommt mir momentan so schäbig und unwichtig vor. Was in Japan vor sich geht, nahm und nimmt mich so mit, dass ich tagelang an kaum etwas anderes denken konnte und regelrecht meine Lebensfreude und den Antrieb verlor. Als zu allem Überfluss auch noch Gaddafi wieder auf dem Vormarsch war und niemand auf der Welt was unternahm, war der Ofen bei mir endgültig aus. Die Welt schien für eine Weile gar kein lebenswerter Ort mehr zu sein.

Der Junge, der den Reportern mitten im Schutt mit der metallenen Stimme der Resignation eines nicht mehr Schockierten, sondern mitten im Trauma Angekommenen berichtet, dass er niemanden mehr hat. Die Frau, die ein Foto und eine Gardine ihrer 99-jährigen Mutter aus einem Müllhaufen zieht und sich der Kamera erst entreißen kann, als sie entschuldigend mit der Hand abwinkt. Eine doppelte Unhöflichkeit muss es für sie gewesen sein: Gesichtsverlust wegen Gefühlezeigen und dann auch noch die unerhörte Bitte, sie in Ruhe zu lassen. 

Ich würde all die traumatisierten Menschen in Japan in mein Bett legen (in meinem diesbezüglichen Wunschtraum ist es nämlich fast so groß wie Japan), sie ganz warm zudecken und in einem Kochbuch oder Wikipedia nachlesen, wie man eine richtig leckere Miso-Suppe kocht.

Mein Wunschtraum geht aber noch weiter. Aufgrund einer Verkettung der unglaublichsten Umstände ist im Zeit-Raum-Kontinuum ein nie da gewesener und von Wissenschaftlern aller Welt gerade fieberhaft untersuchter Sprung entstanden, wie bei einer – nein, nicht Kontinental-, sondern Schallplatte -, somit ist dies alles nicht geschehen und ich kann ihnen berichten, sie könnten nach einem schönen Frühstück mit grünem Tee die Flugzeuge besteigen, die für sie schon bereit stünden, um sie zu ihren Lieben nach Hause zu bringen. Sie würden auf meinen Tee pfeifen. Nein, natürlich nicht. Sie würden ihn allerhöflichst und mit großem Bedauern ablehnen, weil sie aufgrund der unerwarteten freudigen Umstände sich nicht in der Lage sähen, diesen zu sich zu nehmen, auch wenn sie meine Gastfreundschaft sehr zu schätzen wüssten und es demzufolge sehr gerne täten etc. Und ich würde sie sofort in meinem uralten Twingo zum Flughafen fahren, alle Hunderttausend.

Aber eigentlich kommt das reale Bild dem sogar näher als mir lieb ist: Sie liegen ja wirklich in großen Hallen wie in einem riesigen, aber leider unbeheizten Bett, Glied an Glied, und essen ihre Miso-Suppe oder was anderes. Und ich kann ihnen nicht helfen.

Es gab eine Zeit vor vielen Jahren, als ich morgens immer mit dem Gedanken aufwachte: „Krebs!“ Jetzt ist mein erster Schreckgedanke: „Japan!“ Die kleine (trügerische?) Atempause momentan ist wirklich eine kleine (trügerische?) Erleichterung.

2006 war ich selbst in Japan, deshalb ist mir keine Sekunde die Frage gekommen, die zurzeit überall öfters geäußert wird: „Wie kann es sein, dass die Japaner es so besonnen hinnehmen?“ Nichts anderes habe ich von diesem bescheidenen, ruhigen und rücksichtsvollen Völkchen erwartet. Selbst wenn die Versorgungslage so schlimm würde, dass tatsächlich Plünderungen stattfänden, stelle ich sie mir ungefähr so vor: „Bitte, nach Ihnen, plündern Sie ruhig zuerst, ich komme dann nach Ihnen dran“. Vermutlich würden sie noch Geld für die mitgenommene Ware neben die Kasse legen.

Jedenfalls leide ich mit ihnen wie ein Hund. Und ich schäme mich ein wenig fremd, dass die Japaner noch nicht mal den Schlamm und die aller-, allererste Schockstarre aus dem Gesicht wischen konnten, dass kaum eine einzige Leiche geborgen worden war, als schon die AKW-Debatte in Deutschland losging. Klar - sinnvoll und notwendig, nur: Hätte man nicht wenigstens ein paar Tage warten können, bevor man losschrie: "Was bedeutet das für uns?! Sind wir auch in Gefahr?!" 

Sei's drum. Vielleicht war diese Pietätlosigkeit auch nur Kanalisierung der eigenen Hilflosigkeit, weil man von hier aus nicht wirklich helfen konnte. Ich hoffe es.

Abgesehen davon: Vielleicht sind wir in Gefahr. Vielleicht geht die ganze Welt unter. Das tut sie sogar ganz sicher, sobald die Sonne nicht mehr existiert. Aber Sonne hin oder her, in Gefahr sind wir permanent. Das Leben ist halt eine verdammt gefährliche Angelegenheit, im Kleinen wie im Großen. Irgendwie ist es doch zustande gekommen, dass auf der heutigen Landkarte kein Gondwana mehr zu entdecken ist und dass die Lage der Erdachse uns einen vier Stunden kürzeren (oder längeren?) Tag beschert als vor einigen Milliarden Jahren. Ja, wie bloß? Ich tippe da mal ganz „provokativ“ auf Verschiebungen der Kontinentalplatten. Aber diese Vogelperspektive ist gerade wohl weder sachdienlich noch gefragt.

Ich begebe mich lieber wieder meinem Tagtraum hin und tröste die Japaner in meinem riesigen warmen Bett.

1 Kommentar:

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