Freitag, 15. April 2011

Tag der selektiven Wahrnehmung

Drei Meldungen von einem Tag, die mich den Satz „Mein Leben ist absurd“ (Betonung auf „Mein“) wieder einmal relativieren lassen.

Erste Meldung.
Ein LKW-Fahrer, der mit 20.000 Liter Gülle im Landkreis Vechta unterwegs war, hat die Kontrolle über seinen Wagen verloren und ist kopfüber im Straßengraben gelandet. Als die Feuerwehr ihn befreite, war er bereits in der ausgelaufenen Gülle ertrunken.

Ich stelle mir mal Folgendes vor. Diesem LKW-Fahrer wird am Morgen mitgeteilt, dass er heute sterben wird, er dies jedoch abwenden könne, wenn er errät, unter welchen Umständen genau dies passieren wird. Ich fürchte, selbst bei überdurchschnittlicher Phantasiebegabung wäre der Mann nicht auf die richtige Lösung gekommen.

Die zweite Meldung
Ein 35-jähriger Geisterfahrer mit ziemlich offensichtlichen Selbstmordabsichten ist in der Nähe von Tübingen frontal in ein entgegenkommendes Fahrzeug gerast. In jenem saß eine dreiköpfige Familie. Die 40-jährige Frau und ihre 11-jährige Tochter wurden schwer verletzt, der Fahrer, der 43-jährige Familienvater, kam ums Leben. Der Selbstmörder hat überlebt.
Diese Meldung lasse ich jetzt am besten unkommentiert.

Dritte Meldung.
Barbara und Mario Martin aus Niederbrechen bei Limburg  kämpfen bei Behörden darum, dass ihre drei toten Kinder offiziell als ehemals und kurzzeitig existent anerkannt werden. Die Nabelschnur des ersten Kindes, das schon vor einem Jahr mit 440 Gramm tot auf die Welt kam, soll nämlich kurz pulsiert haben – ein Grund zur Anerkennung, wie es auch das Gesetz vorsieht. Zu spät für die Eltern, die im Krankenhaus darüber nicht aufgeklärt wurden.

Die beiden später erfolgten Zwillinge kamen ohne eine Überlebenschance auf die Welt, das eine mit 290 Gramm, das andere, das immerhin einen Tag überlebte, mit 500 Gramm. Damit bekommt dieses eine Geburts- und eine Todesurkunde, der kleinere tote Zwilling nicht, dieser wird demzufolge offiziell auch nie existiert haben. Genauso wenig wie das allererste Kind mit seinen 440 Gramm, dessen später Trumpf nun allerdings die erwähnte Nabelschnur ist. (Ein dokumentierter Atemzug wäre übrigens ebenfalls ein Anerkennungsgrund.) Die Grenze des Menschen liegt nämlich bei 500 Gramm.

Immerhin wurden ihre Kinder - auf ihren Wunsch hin - bestattet und nicht, wie es noch vor wenigen Jahren üblich war, zusammen mit amputierten Gliedmaßen, Tumoren und anderem Klinikmüll entsorgt.

Eine Frage: Wie viel wiegt eine befruchtete Eizelle? Da man sie unter einem Mikroskop betrachten muss, werde ich wohl nicht ganz danebenliegen, wenn ich annehme: Weniger als 500 Gramm. Also noch eine Frage: Warum genießt eine befruchtete Eizelle mehr Rechte als solche Kinder bzw. deren Eltern? Ein Kind von einem Pfund  ist kein Klumpen, geschweige denn Zellhaufen, sondern ein fast fertiger, wenn auch schwächlicher Mensch. Und was es für die Eltern bedeutet oder bedeuten darf, einen offiziellen Existenzbeweis ihrer Kinder in den Hälten zu halten, kann wohl niemand beurteilen.

Ein ganz anderes und doch genau gleiches Thema. Gerade ist ja die PID-Diskussion wieder groß im Gange: Ob es erlaubt sein soll, den eben angesprochenen Zellhaufen auf Krankheiten zu untersuchen und kranke Zellen einer Frau mit Kinderwunsch eben doch nicht einzupflanzen. Insbesondere wenn sie bekanntermaßen Trägerin einer genetisch übertragbaren Krankheit ist, schon kranke Kinder hat, oder sich sonst wie überfordert fühlen würde. Der Grund geht ja eigentlich niemanden etwas an. Ihr bliebe in ihrer Verzweiflung nur eine ganz reguläre spätere Abtreibung, wie sie jeder gesunden Frau auch ohne eine zurückliegende körperliche oder seelische Odyssee ebenso erlaubt ist. Ich will mir hier auch kein moralisches oder sonstiges Urteil anmaßen, nur wieder eine Frage: Hallo, gehts noch mit der Logik?

Natürlich ist das Geflecht der Probleme, die Entscheidungen über Leben und Tod generell mit sich bringen, schier unüberschaubar, eine vernünftige Entknäuelung kaum möglich. Insofern leben wir damit sowieso in einer Grauzone, und meistens nicht mal so schlecht, zumindest nicht, solange es der Humanität dient. Dass jedes Leben gleich viel wert ist, steht heute zum Glück außer Frage, und doch führt das Verfolgen dieses Credos meines Erachtens hier ad absurdum, d.h. zum Gegenteil dessen, was man erreichen möchte. Das Ganze lässt mich jedenfalls an einen edelmütigen Dichter denken, der bei einem Spaziergang den stolzen Adler weit oben in den Lüften besingt, während er - sehenden Auges, nicht aus Zerstreutheit! - auf dem Boden liegende Vogelnester zerstrampelt. 

Die Fragen um Leben und Tod sind wohl einfach genauso vielfältig und individuell wie jedes einzelne Leben und jeder einzelne Tod. Auch wenn mein eigenes Thema weniger der Lebensanfang als das Lebensende ist, zeige ich, wie ihr seht, lebhaftes (!) Interesse an allen Lebensfragen. Und Manches begreife ich einfach nicht. Vielleicht liegt es auch daran, dass es nicht zu begreifen ist?

Kommentare:

  1. Hallo Iria,
    mir ging es wie Dir. Bisher. Seit ich mich mit TA beschäftige, ist mir einiges klarer geworden. Nicht, dass ich deshalb plötzlich für alles Verständnis aufbringe, aber ich verstehe besser, warum manche Menschen wie ticken. Das macht es mir auch leichter, toleranter mit solchen Menschen umzugehen. Und ich glaube mittlerweile, dass das Leben sehr viel schwieriger wäre, wenn wir solche Menschen nicht zur Verfügung hätten. Wir müssen nur aufpassen, dass sie nicht über uns bestimmen können. TA=Transaktionsanalyse.

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  2. Äh… Okay... Keine Ahnung, was Du mir damit konkret sagen willst (falschen Beitrag kommentiert?), aber ich freue mich einfach für Dich, dass es Dir nicht mehr so geht wie mir, denn offenbar geht es mir schlechter als ich es selbst wahrnehme. Jedenfalls scheine ich tatsächlich einiges falsch zu machen, denn mir stehen überhaupt keine, geschweige denn solche (welche eigentlich?) Menschen zur Verfügung. Ich will auch welche!
    Aber, puh, Glück gehabt - dann können diese Menschen (welche nochmal?) auch nicht über mich bestimmen.
    Bevor Du Dich mit einer Erklärung abmühst: Das Konzept der TA kenne ich (auch NLP und ihre Verwandten), genau wie mittlerweile unzählige andere aus verschiedenen Richtungen, und wenn es Dir zu einem besseren Durchblick verholfen hat als vorher, ist doch schön. Also freue ich mich für Dich, und das meine ich nun tatsächlich ohne Augenzwinkern.

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  3. Schon wieder Deinen Namen falsch geschrieben. Sorry. Und habe mich recht missverständlich ausgedrückt. Mist.
    Aber danke für Deine Rückmeldung und Deine muntere Ausdrucksweise, das gefällt mir gut. Auch mit Augenzwinkern.
    Ich meinte Deine Frage "gehts noch mit der Logik?" bez. PID-Diskussion. Ich hab viele Stunden Diskussionen mit Fachidioten (Uniklinik) geführt, die ganze Seiten aus dem Lehrbuch auswendig kennen, aber den Mensch nicht mit all seinen Facetten wahrnehmen. Davon handelt auch mein Buch. Da soll wegen 1mm nachoperiert werden, weil das angeblich "dem Standart entspricht", nur weil der Chef aus dem Urlaub kommt und die Oberärztin operiert hat und das so gemacht hat, wie ihr früherer Chef das als Standart hatte was dem jetzigen Chef ein Dorn im Auge ist. Dabei wird nicht wahrgenommen, dass die betroffene Person das mental gar nicht überstehen würde, weil sie wegen Reizüberflutung nur noch Bahnhof versteht. Weil sie fünf Kinder groß gezogen hat und zehn Jahre ihre Mutter gepflegt bis zum Tod und kaum ist die unter der Erde hat sie Brustkrebs und noch nicht mal den Tod der Mutter verarbeitet. Was kann man von Leuten erwarten, die nicht ganzheitlich denken und arbeiten, sondern sich dem Thema genauso widmen wie Dein treffendes Beispiel von dem Dichter, dem Adler und dem Vogelnest. Wir brauchen solche Menschen, wenn es z.B. um Forschung geht. Ich würde nie in einem Labor mein Dasein verbringen wollen tagein tagaus ohne das bunte pralle Leben um Zahlenkolonnen an Tafeln zu schreiben oder Atomkerne zu spalten. Ohne solche Einsteins gäbe es wohl auch keine Zytostatika. Ich kenne beruflich solche Forscher mit ihren Bärtchen und Brillen, blass und dünnhäutig. Aber wehe, wenn sie Entscheidungsverantwortung bekommen. Oder ihre Ergebnisse von Politikern 1:1 umgesetzt werden als wäre das Leben ein Satz, herausgenommen aus dem Zusammenhang. Dann schaue ich kuhäugig in die Zeitung und kann es nicht begreifen. Und dann sage ich mir, dass die wohl ein paar Ich-Zustände zu wenig besetzen und jeder es halt so macht, so gut er es kann und mehr ist wohl nicht drin.
    Ach ja: Mir ist klar, dass Dir TA vertraut ist bei Deiner Ausbildung, aber hier lesen noch andere mit. Und ich habe von mir selbst geschrieben und wie es mir jetzt damit geht. Ich habe keinen missionarischen Eifer bez. TA, möchte das aber zumindest erklären, worum es geht. Ich habe nur missionarischen Eifer bez. Partnern von Krebsbetroffenen ;-)

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