Freitag, 19. August 2011

Zwei Wochen knapp oberhalb des Existenzminimums oder: Wieder auf dem Weg zur Menschwerdung


Wie der Titel schon sagt, verbrachte ich meine letzten Wochen eher im Zustand der Vegetation. Es war eine zähmassige, dumpfe, in Wachmomenten qualvoll schmerzende Zeit. Eine Zeit größtenteils im Nebel, aber nicht in einem freundlichen Nebel, der seinen im wörtlichen, wenn auch doppelt gemoppelten Sinne palliativen Mantel (‚pallium’ ist im Lateinischen ‚Mantel’, Palliativmedizin demzufolge Medizin des liebevoll mit einem Mantel Bedeckens) über einen breiten würde, sondern ein Nebel der Unsicherheit, etwas, worin man hilflos tappt, ein zähflüssiger, schmutziger Nebel, der einem den ebenso zähen Verstand aus dem Körper saugt, so dass dieser ebenfalls irgendwo im Nebel um den Kopf herum eiert.

Es ist fast intellektuell beleidigend, wie einfallslos Morphinträume sein können: dumb, eintönig, handlungs- und inhaltsarm bis zur Unerträglichkeit, dafür aber ewig lang. Man pult zum Beispiel den halben Tag lang im Traum einen Aufkleber vom Apfel, der geht und geht nicht ab, man muss ihn aber unbedingt abmachen, es ist ganz wichtig, also pult man weiter, immer weiter, kommt irgendwann langsam zu sich und denkt: Was für ein Schwachsinn, gut, dass ich aufgewacht bin. Und: Es muss mittlerweile Abend sein, denn vorhin wurde es langsam hell, nun ist der Tag wohl rum, auch gut. Man macht die Augen auf und sieht den Morgenkaffee auf dem Tablett. Der Tag steht einem also erst bevor, so was Blödes. Dann kommen wieder die Schmerzen, man kramt mit schlecht koordinierten Fingern seine Medikamente aus der Fächerdose neben dem Plastikgeschirr, dämmert wieder weg und fängt an, im Traum nach irgendeinem bestimmten Stift in der Schublade zu suchen, oder ein Tuch zusammenzufalten, aber der Wind weht oder das Tuch fällt ständig runter oder ändert seine Form. Stundenlang wurstelt man herum, ist schon todmüde davon, bis plötzlich der Pfleger mit dem Fiebermesser dasteht, der immer unmittelbar nach dem Frühstück kommt. Oder ist das der mit dem Blutdruckmessgerät oder wer. Egal. Die Gesichter kommen und gehen, die höfliche Vorstellung, wer sie sind und was sie mit mir vorhaben, könnten sie sich in einer solchen Phase eigentlich eh sparen.

Bis es aber größtenteils neblig und damit weniger schmerzhaft wurde, dauerte es Tage, weil die Schmerzmedikation so schwer in Gang kam. Jedes Mal das Gleiche, dabei hatte ich diesmal nach meiner Meinung wirklich toll vorgesorgt. Ich habe bereits vor dem Eingriff jedem, aber wirklich jedem, der mir irgendwie befugt vorkam (also mein Zimmer nicht zum Putzen betrat), eindringlich erklärt, dass es ganz, ganz wichtig ist, frühzeitig die richtige Dosis zu finden, wir dürften auf keinen Fall zu lange dem Schmerz hinterher rennen, weil sonst bei mir das Schmerzgedächtnis entsteht. Also „geben Sie mir ordentlich“, ich will bitte, bitte nicht wieder große und andauernde Schmerzen haben.

Stattdessen scheine ich im Vorfeld überall herumerklärt zu haben: „Wissen Sie, ich werde von Außerirdischen abgehört, weshalb es ganz wichtig ist, dass jegliche Kommunikation mit mir durch eine leere Toilettenpapierrolle erfolgt, denn das stört ihre Abhörfrequenz. Alternativ kann ich Ihnen anbieten, für jegliche Unterhaltungen unter mein Bett zu krabbeln – ich würde dann durch das Kopfkissen nach unten zu Ihnen sprechen -, oder aber beim Sprechen einen Motorradhelm zu tragen.“ Jedenfalls half meine prophylaktische Breitband-Aufklärung nichts, diese Energie und verlorene Liebesmüh hätte ich mir einfach sparen können. Es war eine weltfremde Utopie gewesen, wie der Kommunismus (letzterer allerdings zurecht). Und meine Mündigkeit kann ich mir wieder sonst wohin stecken. An den Hut. Oder dem Hasen geben (schwäbisches Sprichwort, das ich nie verstanden habe), soll der sie sich an den Hut stecken. Jedenfalls: Tagelang taten wir genau das, wovor ich warnte: dem Schmerz mit zu niedrigen oder zu kurzfristig wirksamen Schmerzmitteldosen hinterher rennen.

Dies war allerdings zum Teil auch dadurch bedingt, dass mehrmals ein ärztlicher Vermerk über die nächtliche Schmerzmedikation in meiner Krankenakte vergessen wurde. Deshalb musste ich mehrere Abende hintereinander von der Nachtschwester hören: „Ich bin nicht befugt, es steht nichts im Buch, ich kann Ihnen nur Novalgin geben“. Eine Ärztin, die es mal vergessen hatte und die sich verabschiedete mit „Ich habe es schon eingetragen“, bat ich tatsächlich, mir diesen Eintrag zu zeigen. Was sie verblüfft auch tat. Ein Eklat, gewiss. Aber man wird halt paranoid, wenn man zum widerholten und dann abermals widerholten Male viele Stunden lang mit Schmerzen darniederliegt, völlig macht- und hilflos. Ja, ja, natürlich haben Ärzte überall viel zu tun, ich bin ja nicht von gestern, und sicher werden sie tatsächlich kommen, irgendwann. ("Gleich" ist für mich mittlerweile ein Reizwort, es wäre mir lieber, zu erfahren: In den nächsten fünf Stunden passiert hier erst mal nix, das wäre wenigstens Gewissheit und demzufolge eine Art Entspannung.) Denn ich wiederum habe doch so viel Schmerz hier, der so einfach zu beseitigen wäre, mit Arbeit von Sekunden …

Als ich einmal vor lauter Verzweiflung eigenmächtig einige von Zuhause mitgebrachte Morphintabletten einwarf und dies der Ärztin, die die schriftliche Erlaubnis für die nächtliche Medikation vergessen hatte, auch noch sagte, handelte ich mir eine Rüge ein: „Bitte keine Medikamente ohne Absprache“. Ich sagte: „Natürlich nicht, aber es war mir irgendwann einfach egal, der Schmerz war stärker.“ Zumindest von meiner Seite wird auch künftig immer Transparenz herrschen, ich verschweige doch nicht eine Eigenmedikation auch unter Gefahr, getadelt zu werden.

Noch erinnere ich mich, dass eine ganz junge, sehr liebe Krankenschwester auf meine wiederholte vergebliche Bitte um Schmerzmittel eines Nachts sagte: „Aber ich könnte Ihnen eine schöne warme Milch mit Honig machen“. Vor Rührung über eine so reine, unberührte, naive Seele fing ich an zu heulen. Immerhin griff sie daraufhin zum Telefon und rief tatsächlich den Arzt an, der irgendwo im Haus unterwegs war. Überhaupt wäre das Einfachste, nachts einfach laut herumzuschreien, so dass keiner auf dem Flur Ruhe hat. Dann würde sofort einer kommen, ich bin mir sicher. Aber man ist ja vom nordeuropäischen Kulturkreis geprägt, da macht man so was nicht, außer man ist tatsächlich von Sinnen.

Ach, es ist so zermürbend, auch nur daran zu denken, ich wollte auch eigentlich gar nicht so viel darüber schreiben, aber ich schreibe eh immer was anderes als ich vorhabe. Überdies ist das Krankenhaus eigentlich das beste, in dem ich bisher verweilen durfte. Nur, wo ich doch im letzten Beitrag von Spaziergängen sprach: meine Brustablation mit Messer (und Gabel, nein, ich meine, mit Messer und allem Drum und Dran, wie man sich eine richtige klassische, brutale Operation vorstellt) - DAS war ein Spaziergang im Vergleich zu dieser Hochfrequenzablation in der Leber. Dies hier ist wirklich nichts Schönes, stehe im Internet dazu was wolle.

Aber jetzt mal wieder sachlich werden.
Der Eingriff an sich verlief wohl erfolgreich, die Metastasen im rechten Leberlappen sind also schön weggekocht worden. Leider hat man im linken Lappen in zwei Segmenten, nahe dem Herzen und der Gallenblase, weitere Metastasen entdeckt, die man nun in ca. 4 Wochen gerne ebenfalls wegmachen möchte. Ich wäre die auch sehr gerne los, weiß aber nicht, ob ich es physisch und psychisch so schnell wieder packe. Im Moment kann ich es mir jedenfalls nicht vorstellen, zumal dies dann tatsächlich „kein Spaziergang“ sein wird, sondern eine recht heikle Sache mit hoher Verletzungsgefahr, die Prozedur müsste auch irgendwie anders durchgeführt werden, aber wie genau - diese Information einzuholen habe ich mir bisher verkniffen, selbst das packe ich gerade nicht.

Ach ja, ganz vergessen: Natürlich bekam ich auch wieder eine Infektion, weshalb mir ein Breitbandantibiotikum verschrieben wurde, zusätzlich zu einem anderen, (Schmalband?)Antibiotikum. Mein Tablettenpensum war irgendwann so riesig, dass ich das Gefühl hatte, meine Haut und ich selbst atmete Gift aus und wenn ich den Mund öffnete, würde dort eine lumineszierende Wolke herrausschweben wie bei einem Comic-Drachen. Nicht weiter überraschend, dass ich wieder ordentlich Gewicht verloren habe, weil ich nichts bei mir behalten oder auch nur schmecken/riechen/sehen konnte. Naja, es werden wieder Cortisonzeiten kommen, da kommt der (ungesunde) Appetit von allein. Die für diese Woche geplanten Chemos habe ich aber abgesagt, bin noch in einem zu desolaten Zustand.

Wie weit weg und surreal mir mittlerweile die schönen Wochen in Namibia erscheinen! Die Realität ist wieder da. Aber mir ist bewusst, dass sich solche Luxusgedanken wie „Ich bin noch nicht bereit für eine zweite OP“ sich nur jemand leisten kann, dem das Wasser nur bis zum Kinn steht, nicht bis zur Nase. Und mir steht das Wasser momentan nur bis zum Kinn. Das Leben ist also (erst mal wieder) schön.

Kommentare:

  1. Hallo Irja, da bist Du ja!
    Es ist immer wieder toll, wenn ich mich nach dem gemütlichen Aufwachen mit meiner Cafétasse an den Laptop setze, mal wieder auf Deine Seite klicke und feststelle, dass du was geschrieben hast. Ich freue mich jedesmal von Dir zu lesen, ob Du nun Gutes oder Schlechtes schilderst. Du bist inspirierend, weil Du selbst im Schlechtesten deinen Humor und Deine Lockerheit nicht zu verlieren scheinst. Was Du schreibst klingt wie ein Höllentrip, doch dein letzter Satz sagt: "Das Leben ist schön".
    Meine Liebe Irja, mein Leben ist schöner geworden, seit ich Dich in Gedanken kennenlernen durfte. Apropos Gedanken... Deine Gedanken wirken beim Lesen für mich immer bunt und schön.Egal wovon Du berichtest und sei es auch noch so schwarz.

    So, mittlerweile habe ich meinen Café ausgetrunken und ne Linsensuppe ausgelöffelt. Ich wünsche Dir einen bunten Tag und werde heute bestimmt noch oft an Dich denken.
    Bis bald ;-)

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  2. Liebe Irja,
    "etwas dem Hasen geben" sagt man bei uns wenn etwas nix mehr "taugt". Wie welker Salat, hartes Brot, die trockene Möhre oder die abgeschälten Kartoffelschalen, was alles "nur" noch dem Hasen als Futter nutzt. Oder eben scheinbar nichts wert ist, wie im erwähnten Fall den Herren in Weiß deine Mündigkeit.
    Hoffe hiermit etwas weitergeholfen zu haben ;-)
    Liebe Grüße aus dem schwäbischen Nordschwarzwald
    Mona

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