Mittwoch, 8. Februar 2012

„Klirrende Kälte“ auf allen Kanälen oder: Geben ist seliger als Nehmen, will aber durchdacht sein, was ziemlich anstrengend sein kann - für beide Parteien



Von +30 auf -20 Grad, und ich rede nicht von Fahrenheit, sondern Celsius – da hat man erst mal einiges zum Akklimatisieren. Dass den TV-Moderatoren zu dieser Kälte kein anderes Adjektiv einzufallen scheint als „klirrend“, enttäuscht mich ein wenig, ansonsten finde ich diese „klirrende Kälte“, die „Deutschland fest im Griff hat“, sogar schön, weil sie mit Sonnenschein einhergeht. Wenn nur nicht diese Hunderte von Toten wären in Europa… Ich möchte gerne glauben, dass „die Solidarität in der Bevölkerung mit den Obdachlosen stärker geworden ist“, kann es aber nachvollziehen, dass manche der Obdachlosen die Hilfe ablehnen und nichts von einem Kältebus oder ähnlichem wissen wollen. Es gibt Menschen, die wollen partout keine Veränderung, weil jede Veränderung eine Störung des Tagesablaufs darstellt und Störungen sind nervig (so meine primitive, aber, wie ich finde, einleuchtende Erklärung). Ich habe einmal auf einer Estlandreise einen Obdachlosen, der bei Eisestemperaturen einen - zugegebenermaßen phantasievollen - Mantel aus Plastiktüten trug (ich glaube, die Tüten waren sogar aneinander genäht), gefragt, ob er sich etwas Warmes zum Anziehen kaufen würde, wenn ich ihm das Geld dafür geben würde, oder ob er bereit wäre, mich morgen zu treffen, wenn er selbst nicht zum Einkaufen käme (Subtext: Wenn er in keinen Laden reinkäme), dann würde ich einen warmen Mantel oder eine Jacke organisieren. Er hat mich wüst beschimpft und ist im Laufschritt von Dannen gezogen. Es ist zu kurzgegriffen, es damit abzutun, dass er einfach nicht ganz dicht war. Natürlich war er es nicht, und trotzdem ist es zu kurzgegriffen.

Ich bin allerdings manchmal auch ein nerviger Almosengeber – es kann sein, dass ich den Menschen frage, warum er in dieser Situation ist, und gebe besonders gerne, wenn man es nicht erwartet beziehungsweise wenn man gerade gar nicht explizit bettelt. Wer mich allerdings gar am Ärmel packt oder mir sein rumänisches Leihbaby oder seinen fehlenden Fuß unter die Nase hält, geht leer aus. In unmotiviert herumliegende Hüte werfe ich ebenfalls ungern was rein, weil das so beiläufig und unpersönlich ist und ich auf einen ordentlichen Dank erpicht bin, auch wenn ich es nicht zugebe. (Dabei ist es kein Geheimnis, dass Geben deshalb seliger als Nehmen ist, weil man sich dann so toll und gütig vorkommt.) Eine kurz erhobene Augenbraue reicht mir eben nicht, deshalb gebe ich selten, aber ordentlich. Allerdings habe ich auch einen Traum: Wäre ich reich, also ziemlich reich, würde ich ab und zu sehr armen Menschen, von denen ich irgendwo höre, einen ordentlichen Geldumschlag einfach in den Briefkasten schmeißen, ohne Absender. (Allerdings würde ich vermutlich selbst dann nicht ohne einen kurzen Satz wie „Viel Freude damit“ auskommen. Diese Geschwätzigkeit…) Irgendeiner Organisation eine astronomische Summe völlig anonym zu spenden – so weit reicht meine Phantasie nicht. Oder reicht meine Phantasie nicht aus, mir vorzustellen, wie es wäre, so reich zu sein, dass ich in der Lage wäre, irgendeiner Organisation eine astronomische Summe zu spenden, anonym oder nicht. Aber ich glaube, dass es gar nicht so angenehm ist, als Organisation eine große Summe von einem anonymen Spender zu bekommen, vielleicht käme man sich in Zukunft beobachtet und kontrolliert vor, von jemandem, den man nicht kennt. Ach, was weiß ich. Ich spiele in ganz anderer Liga und belästige stattdessen unschuldige Bettler, die nur in Ruhe ihre Almosen sammeln wollen. Oder ich belästige mit meinen wenigen Kröten Menschen, die gar nicht betteln.

Schon wieder in Estland habe ich eine alte, ordentlich angezogene Frau nach leeren Flaschen suchen sehen und ihr alle meine verbliebenen estnischen Kronen gegeben, weil ich eh auf die Fähre nach Finnland gehen wollte. Sie bedankte sich mehrfach, sagte aber, dass es ja so peinlich sei und dass es ja ein ekelhafter Anblick sein muss, wie sie da in den Mülleimern wühlt und überhaupt, sie hätte gehofft, dass sie niemand sieht, denn es sei ihr einfach so unglaublich peinlich, dass sie mittlerweile so tief gesunken ist, aber vielen Dank nochmal, das ist ja so nett, aber sie schämt sich jetzt so und... Meine Beteuerungen, dass es ihr zumindest vor mir nicht peinlich sein muss, und wenn es einem peinlich sein soll, dann dem estnischen Staat, und dass ich gar nicht in Estland wohne und sie nie wieder sehen werde, fruchteten nicht. Keine Ahnung, was ich bei ihr ausgelöst habe, aber ich hatte das Gefühl, dass die Freude über das Geld die Pein des Augenblicks überwog. Sonst hätte ich mich wirklich schlecht gefühlt. Verschwitzt und rot im Gesicht waren wir trotzdem beide, als wir uns genauso umständlich, wie wir uns über die Peinlichkeit und Nicht-Peinlichkeit ausgetauscht hatten, verabschiedeten.

Wenn man jung genug ist, zu glauben, man hätte hie und da einen pädagogischen Auftrag zu erfüllen, kann man es aber auch anders anstellen. Einmal habe ich einen Punker beim Penny sitzen und Bier trinkend betteln sehen, typischer Fall von „Haste mal ‚ne Mark“. Da ich damals weder ein Auto noch einen Fahrstuhl hatte, mich beim Einkaufen aber ordentlich übernommen hatte, sagte ich ihm: „Ich gebe dir zwei, wenn du mir hilfst, die Tüten nach Hause in den fünften Stock zu tragen“. Damit, dachte ich, wäre doch uns beiden prima geholfen. Ein etwas stupider Auftrag, gewiss, aber, liebe Kinder, zwei Mark waren damals richtig Geld, dafür gab es bei Penny fast vier Dosen Bier. Das Gesicht nach dem Satzteil „Ich gebe dir zwei“ veränderte sich allerdings so plötzlich, dass mir Zweifel kamen, ob ich aus Versehen nicht gesagt hätte „…wenn du mir hilfst, dir deinen Irokesenschnitt abzurasieren“. Immerhin bequemte er sich von seinem Platz und trottete, nachdem er sein Bier ausgetrunken hatte („Musst warten, wenn ich beide Tüten tragen soll, brauch sonst unterwegs ‚ne Hand frei“), neben mir her bis zu meinem Haus. Als er mir weismachen wollte, die zwei Mark hätten wir nur bis zur Haustür vereinbart, bis nach oben verlange er nochmal zwei Mark, habe ich ihm freundlich erklärt, dass ich mich in dem Fall ganz herzlich für die Hilfe bedanke und ihm weiterhin einen schönen Tag bei Penny wünsche. Da erinnerte er sich dann doch an den Deal. Aber irgendwelche Deals mit Bettlern, und seien sie noch so jung und kräftig, gehe ich seitdem nicht mehr ein. Eine Gegenleistung zu erwarten, die über ein „Danke, Alter“ hinausgeht, ist nicht angebracht und kann auf den Empfänger lästig bis beleidigend wirken. Das will man ja nicht. Was man will, ist: sich toll und gütig vorkommen.

Ich habe noch zahlreiche andere Erfahrungen mit Bettlern und Obdachlosen gesammelt, aber mittlerweile versuche ich mich nicht mehr allzu sehr in anderer Leute Karma einzumischen. In hinduistischen Ländern habe ich oft gesehen, wie Frauen und Männer aufdringliche Bettler, auch Kinder, rüde abweisen, bis hin zur Ohrfeige, und ließ mir erklären: Sie stören das Karma, das ist Tabu und sie wissen es genau.  Nicht, dass ich das Kastensystem unterstützen oder es gar gutheißen würde, bettelnde Kinder zu ohrfeigen, zumal man es sich einfacher kaum machen kann, um Nichtgeben zu rechtfertigen, aber es gab mir was zum Nachdenken.  Wenn man es von der anderen Seite betrachtet, weiß man auch nie genau, was man mit seinen Almosen auslöst, insbesondere wenn sie für jene Verhältnisse nennenswert sind. In der schlimmsten Ereigniskette führt das zu Mord und Todschlag, wovon der Spender vermutlich gar nichts mitbekommt. Mord und Todschlag will man nun wirklich nicht heraufbeschwören, aber es braucht nicht viel, um gewissen Schaden anzurichten. 

Einmal, kurz vor der Abreise aus Indien, wollte ich meine restlichen Rupien einem netten armen Menschen zu schenken, alle auf einmal. Es war gar nicht so einfach, den Richtigen zu finden, es musste zudem möglichst unauffällig vonstatten gehen, und in Indien ist es schwer, als Europäer unbeobachtet zu sein. Ich wollte ja auch nicht, dass der Empfänger verprügelt und ihm das Geld wieder abgenommen würde – so viel hatte ich dann doch zu verschenken. Ich streifte lange durch die Gegend und taxierte die Menschen, als führte ich nichts Gutes im Schilde.  Mangels geeigneter Kandidaten, unkomplizierter Übergabeverhältnisse oder wegen sonstiger unbequemer Umstände wollte ich für das Geld fast schon irgendeinen Unsinn zusammenkaufen. Bis ich von weitem einen kleinen Jungen erblickte, kaum älter als fünf oder sechs Jahre, der zwei riesige Säcke voll Plastikabfall mitschleppte. Die Säcke waren zwar leicht, aber er selbst hätte dreimal in einen davon reingepasst, so groß waren sie. Endlich hatte ich den Adressaten meiner Wohltat gefunden: Klein und arm, aber so unglaublich fleißig, mit etwas Phantasie der Ernährer seiner kranken Eltern, des seit Jahren bettlägerigen Großvaters und der beiden jüngeren Schwestern, die diese drei Tag und Nacht pflegen müssen und deshalb nicht arbeiten können. Ich phantasierte noch weitere zu ernährende Verwandtschaft dazu, während der Junge sich näherte, und als der richtige Moment zur Geldübergabe gekommen wäre… ließ ich ihn vorbeiziehen. Sein Hemd war schmutzig, sein Gesicht noch schmutziger, aber diese Augen, die so vor Stolz strahlten, die schmächtigen Schultern und der hochgereckte Hals, der ausdrückte: „Ich trage eine Last, aber eine süße Last. Habe den ganzen Tag gearbeitet, jeden Stein umgedreht, um was zu finden, jetzt gehe ich nach Hause und zeige das Ergebnis vor. Die werden vielleicht Augen machen – eine so reiche Beute habe ich seit Monaten nicht gemacht. Ach, bin ich stolz und zufrieden. Müde, aber zufrieden. Vishnu, wie ist das Leben schön!“

Ich glaube, ich habe ihm mehr gegeben beziehungsweise ihm mehr gelassen, indem ich ihm nichts gegeben habe. Er schien zumindest für diesen Tag alles zu haben, was er wollte und brauchte. Und durch mich wäre es wertlos geworden. Morgen wäre ich weg gewesen, aber seine Plastikbeute hätte nicht mehr im Gras oder in der Mülltonne geglänzt, sondern hätte geflüstert: „Ja, nimm mich ruhig mit. Du musst aber noch Hunderte, Tausende wie mich einsammeln, bis du so viel Geld zusammen hast wie du gestern in ein paar Sekunden einfach so bekommen hast.“ Und der Junge wäre vielleicht nie mehr nach getaner Arbeit so beschwingt nach Hause gelaufen. Ich hätte ihm seine Glücksmomente vielleicht für immer gestohlen.

Karma hin oder her, aber ich lasse Bettler und Obdachlose heutzutage nach Möglichkeit in Ruhe. Klappt allerdings nicht immer. Und wenn ich auf Reisen ein wenig übers Ohr gehauen werde – was nicht oft passiert, weil ich mittlerweile recht abgebrüht bin -, sage ich: „Entwicklungshilfe“ oder „Die haben wenigstens einen Geschäftsplan“. Und wenn es doch mit mir durchgeht und ich meine, einen besonders sympathischen armen Menschen getroffen zu haben, dann… ja, dann muss er halt gegebenenfalls dran glauben. Geben ist einfach zu selig, um es immer zu lassen, und zumindest in Deutschland kann ich mit meinem Bisschen Geld niemandem schaden, dafür bin ich viel zu arm.

Kommentare:

  1. Eine Anekdote von Rainer Maria Rilke:

    Die Bettlerin und die Rose

    Gemeinsam mit einer jungen Französin kam Rilke um die Mittagszeit an einem Platz vorbei,
    an dem eine Bettlerin saß und um Geld bat.
    Sie hielt sich immer am gleichen Ort auf und nahm die Almosen entgegen,
    ohne auch nur einen Blick auf die Geber zu verschwenden.
    Rilke gab ihr nie etwas, während seine Begleiterin der Frau öfters Geld gab.
    Als die Französin eines Tages fragte, warum Rilke der Frau nie etwas gebe,
    erhielt sie zur Antwort, dass man ihrem Herzen und nicht ihrer Hand etwas schenken solle.
    Einige Tage darauf brachte Rilke der Bettlerin eine schöne, frisch erblühte Rose
    und legte sie in die um Almosen bittende Hand.
    Da geschah etwas Unerwartetes:
    Die Bettlerin blickte zu dem Geber auf,
    erhob sich mühsam vom Boden und ging mit der Rose davon.
    Eine Woche war die Bettlerin nicht mehr zu sehen.
    Dann saß sie wieder wie zuvor an ihrem gewohnten Platz und wandte sich weder mit einem Blick
    noch mit einem Wort an ihre Geber.
    Auf die Frage der Französin, wovon die Frau während der Zeit, in der sie keine Almosen erhaltenhabe,
    gelebt habe, antwortete Rilke: "Von der Rose"

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  2. ich habe mal eine amüsante Geschichte in einer New Yorker U-Bahnstation erlebt:

    ein ungepflegter, junger Mann kam zu mir und streckte mir seine Handfläche hin, auf der eine 1/2-Dollar-Münze lag. Er fragte, ob ich zwei Quarter (1/4-Dollar-Münzen) für ihn hätte. Sofort griff ich in meine Tasche und gab ihm zwei Quarter in der Annahme daüfr seinen halben Doller zu bekommen. Doch kaum hatte er meine Münzen in der Hand drehte er sich um und ging weg. Ich rief ihm hinterher und verlangte den halben Dollar. Darauf sagte er nur: "Ich habe dich nach zwei Quartern gefragt - nicht nach Wechselgeld!" Ich musste lachen und ging weiter.

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  3. ich hab da einen spannenden link http://invisiblepeople.tv/blog/ - dort kommen obdachlose mal zu wort und reden über ihr leben. am wichtigsten finde ich doch, dass man den menschen im menschen sieht. das ist nicht immer einfach bei all den vorurteilen und teilweise auch erfahrungen.

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